HELGOLAND

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Hafen Helgoland Fischernetze

Für drei Tage bin ich mit meiner Oma zusammen nach Helgoland gereist.Ihr Vater ist auf der Insel aufgewachsen und auch meine Oma war im Sommer häufiger mit ihren Kindern zu Besuch bei ihrer Tante. Meine Mutter scheint das damals nicht weiter beeindruckt zu haben, soweit ich zurückdenken kann, war sie immer wild darauf, im Sommer nach Frankreich zu fahren. Die deutsche Küste, ob Ost- oder Nordsee, wurde als langweilig verpönt. So kam es dazu, dass ich mit fast 28 Jahren zum ersten Mal die Heimat meines Urgroßvaters sah. Meine Oma zeigte mir die alten Fotos und Stiche von der Insel. Vor allem einige, die die Insel vor dem zweiten Weltkrieg zeigen, es muss ein sehr schöner Ort gewesen sein. Diese sind besonders spannend, wenn man heute einmal auf der Insel war. Sie zeigen meine Oma als Kleinkind auf der damals noch schönen Landungsbrücke, meinen Urgroßvater als blonden, großen Mann beim Sport treiben auf der Düne, einige Bilder ihrer Eltern beim Ausbooten (ein höchst befremdlicher Vorgang, bei dem die Passagiere von großen Schiffen in kleinere Börten, das sind hochseetaugliche, aber kleine Fischerboote, geworfen werden), Bilder von dem damals im Familienbesitz befindlichen Hotel, von dessen Silberlöffeln ich mir schon als Kind die Mundwinkel aufgeschnitten hatte und weitere kleine und sympathische Details eines mir völlig fremden Lebens. (Die Liebesgedichte und Bonmots meines Urgroßvaters an meine Urgroßmutter gerichtet, nicht selten ausgesprochen anzüglich, stellen dabei ein besonderes Highlight da.) Außerdem erklärt sich dadurch die nordische Hälfte der Einrichtung meiner Oma, sowie ihre Vorliebe für Literatur und Gedichte. (Schließlich gibt es im Winter auf der Insel kaum etwas zu tun und mein Ururgroßvater soll möglicherweise Betreuer der helgoländischen Leihbücherei gewesen sein...)

Im Wohnzimmer meiner Oma steht ein großes hölzernes Modellsegelschiff. Es ist wirklich schön gearbeitet, ein prächtiger Dreimaster. (Ich erinnere mich an drei Masten, habe aber vom Segeln überhaupt keine Ahnung...) Ansonsten besteht ihre Einrichtung aus Ölgemälden und Stichen von Helgoland kombiniert mit antiken Schränken, blumigen Vorhängen, goldgerahmten Spiegeln und einem überlebensgroßen Bild, auf welchem die Medea mit dem Dolch in der Hand zu sehen ist. Wenn man bei meiner Oma ist, stößt man zwangsläufig auf diese sonderbare Paarung zwischen schwäbischer Reinlichkeit mit der einhergehenden anerzogenen Arbeitswut sowie dem feineren nordischen Geist. Auch auf Helgoland sieht man Stiche, Ölgemälde und Modellboote in den Hotels und Ferienhäusern. Sie sehen oft aus wie Repliken der Bilder meiner Oma. Man kann sie in den Touristenhops kaufen und nur wer genau hinschaut, wird am Zustand der Langen Anna oder an der Bebauung der Insel erkennen, aus was für einer Zeit diese Gemälde stammen. So habe ich gelernt die nordische Hälfte meiner schwäbischen Oma zu verorten.

Landungsbrücke Helgoland "WELKOAM IIP LUNN"

Heute ist die Insel ein Touristenparadies ohne viel Charme. Bis zu 1.000 Tagestouristen kommen täglich auf die Insel und in der Hochsaison auch einmal mehr. Dem Verlust der alten Bausubstanz kann nichts entgegengesetzt werden. Die Nachkriegsarchitektur erinnert mit etwas Glück an einigen Stellen an die See oder die Fischerei. Vor allem das vereinzelt wirklich vorzügliche Essen tröstet über diesen Verlust hinweg. Die Natur hat sich scheinbar als einzige von dem Weltkrieg erholt und erstrahlt in vollem Glanz. Die Nordsee hier draußen ist fantastisch. Das Wasser ist sauber und die Sonne strahlt erbarmungslos. An unseren drei Tagen auf der Insel sahen wir keine einzige Wolke, und das im September. Das Wasser ist tief, tief blau. Stellenweise ist es so dunkelblau wie die Esszimmerwand meiner Mutter. Zu Fotografieren gibt es einen Haufen Dinge. Das wechselnde Licht im Hafen, auf dem Wasser, auf der Insel bietet endlose Möglichkeiten. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass das Wetter einfach zu gut ist, um einen der wundervollen Sonnenaufgänge festzuhalten. Der wolkenlose klare Himmel und das platte Meer kombiniert mit einem roten Ball am Himmel wirkt langweilig, da weder dem grafischen Potential dieses Motivs Raum geboten wird, noch dem Romantischen. Nur vereinzelt spielt das Licht ein bisschen mit der Insel und dann wandelt sich das langweilige Motiv in Windeseile zum Faszinosum. Es kann sehr, sehr schön sein.

Ich komme zu dem Schluss, dass ich wiederkommen muss. Gerne würde ich mal 6 Monate oder gleich ein Jahr auf der Insel leben. Um Fischen zu lernen, in Ruhe einen Hummer zu probieren – am besten mit Anleitung – und den Nebel und das Meer im Winter zu erleben. Das fände ich spannend. Vielleicht mache ich das nach meiner Weltreise. Ich finde, die Insel ist wie geschaffen für einen Mordfall und laut unseren Hoteliers gibt es noch keinen Helgolandkrimi...

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Comments: 9
  • #1

    Anjuli (Thursday, 20 October 2016 13:42)

    Ich freue mich schon auf den Krimi:) und komme dich auf jeden Fall auf Helgoland besuchen:)

  • #2

    Bella (Thursday, 20 October 2016 19:03)

    Ha! Julia, das würde mich direkt ermutigen! :-)

  • #3

    Kathi (Thursday, 20 October 2016 22:53)

    Ich komme auch sofort vorbei :) Sehr schön geschrieben, meine liebe Bella! Der gesamte Blog mit Text und Fotos ist eine große Freude!

  • #4

    Bella (Friday, 21 October 2016 10:24)

    Vielen Dank!!! : ) Das freut mich sehr, Kathi!

  • #5

    yvokiwi (Friday, 21 October 2016 11:17)

    Städtebaulich ist die Wiedererrichtung Helgolands interessant. Ich zitiere mal aus dem Pressebericht:
    "Die Zerstörung des alten Helgoland war eine einmalige Chance für eine Neuerfindung und Neuausrichtung der Insel. Der rasch durchgeführte Wiederaufbau ist einzigartig und hat ein Ensemble geschaffen, das sich durch Geschlossenheit im Großen bei gleichzeitiger Individualität im Kleinen auszeichnet; auch aus diesem Grunde wurde und wird Helgoland auch als „Blaue Mauritius der jungen bundesrepublikanischen Architektur“ bezeichnet."
    http://www.helgoland.de/service/pressebereich/presseberichte-2015/presseberichte-aus-dem-jahr-2015/staedtebaulich-historischer-rundgang-fuer-urlaubsgaeste.html

  • #6

    Bella (Saturday, 22 October 2016 07:44)

    Mmmh, jap. Sehr schön gesagt. Der Wiederaufbau war genau wie beschrieben schnell... Mir ist schon klar, dass es irgendwo jemanden gibt der sich da viel Mühe gegeben hat. Trotzdem empfinde ich das im Vergleich zu dem was mal da war, unbefriedigend. Zum Glück bin ich ja keine Expertin und muss niemandem gegenüber gerecht sein... ; )

  • #7

    diana Kieffer (Sunday, 23 October 2016 13:35)

    Liebe Isabelle, das ist eine sehr schöne Geschichte, die Du darüber geschrieben hast, mein Vater, dein Urgroßvater wäre entzückt, ebenso wie ich. Niemals hätte ich gedacht, daß Dir das so gut gefallen würde, als ich im Mai zu Dir sagte, ob Du ein paar Tage Zeit hättest, mit mir nach Helgoland zu fahren, weil ich es alleine nicht mehr schaffe.
    Danke, liebe Isabelle.

  • #8

    Bella (Monday, 24 October 2016 21:49)

    Liebe Oma!
    Es freut mich sehr, dass es dir gefällt! Ich hoffe ich darf auch dich zu meinen Gästen zählen, wenn ich einmal länger dort bin. Ich danke dir, fürs Vorschlagen! Liebe Grüße

  • #9

    yvokiwi (Saturday, 31 December 2016 08:18)

    Nun ist Oma doch plötzlich am 17.12. verstorben. Wie schön, dass Du noch mit ihr auf Helgoland warst und die Stätte ihrer Kindheit und Jugend mit ihr bereisen und ihre Geschichten erfahren konntest.