ROADTRIPPIN'

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Mietwagen in Lettland

Das Auto war der absolute Luxus. Natürlich war es nur eine kleine Schrottbremse, aber es hatte einen USB-Anschluss und Sitzheizung. Was kann man mehr verlangen. Da man hier sowieso nicht schneller als 90 fahren darf, muss das Auto auch nichts können. Wir tuckerten also raus aus Riga, gewöhnten uns an die Beschilderung und unterhielten uns über das Leben, die Reiseziele und den Feminismus (gerade ein wichtiges Thema bei mir). Erstaunlich wenige Frauen setzen sich damit auseinander oder haben veraltete Abneigungen, die sie davon abhalten, sich mit der aktuellen Thematik auseinanderzusetzen. Natürlich ist der Druck von außen heute nicht mehr so groß, aber nach wie vor ist es wichtig, sich selbst zu hinterfragen. Dabei stoße ich fast zwangsläufig auf Fragen des Feminismus. Warum denke ich schon immer darüber nach, wie ich das Leben meiner Kinder gestalten werde? Warum muss ich meinen Reisewunsch rechtfertigen und mir Kommentare darüber anhören, ob ich die Uhr nicht ticken höre? Was würde die Entscheidung für eine Leben ohne eigene Kinder für Nebenwirkungen haben? Will ich für immer die coole Tante bleiben, die die Welt bereist und die man in den Sommerferien auf der Flucht vor den Eltern besuchen kann? Wäre das auf lange Sicht schlimm? Was würde mir fehlen? Ist die Vorstellung von einer großen Familie ein Wunsch oder anerzogen? Ist meine Abneigung gegen Profitorientierung anerzogen? In Polen wurde ich mit großen Augen angeschaut, als ich sagte, ich wäre 28 Jahre alt. Dort liegt die Norm inzwischen eher bei 25 Jahren (oder früher) um das erste Kind zu bekommen. Unsere Gastgeberin in Riga dagegen war fast 40 und lacht mich freundlich an: „You've got sooooo much time!“ I KNOW! Warum sind diese Gedanken in meinem Kopf, sie haben dort nichts zu suchen. Ich möchte Probleme doch bearbeiten, wie sie sich mir in den Weg stellen, oder nicht? So hatte ich das formuliert... Und, halt! Stop! Problem? Das ist nur Kopfkino! Wo ist der Feminismus geblieben?

Und dann höre ich mit K. zusammen den Podcast „The guilty feminist“ mit Deborah Francis-White (my personal hero) und Sofie Hagen. Ich kringle mich am Boden vor Lachen, naja, zumindest kann ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Für K. war das alles relativ neu. Das spielt in ihrem Leben keine Rolle. Sie fühlt sich wohl in ihrer momentanen Rolle im Büro und findet den Gedanken nach den Kindern zu Hause zu bleiben auch nicht einfach, aber soweit ist es ja noch nicht. Sie lebt im hier und jetzt, während ich mir noch Gedanken um die Zielsetzung mache. Die Frage nach dem anerzogenen Kinderwunsch ist für mich zentral, für sie nicht. Der Vergleich ist ganz schön, offenbart er doch einmal wieder, wie viele Wege nach Rom führen.

Holzhaus am Straßenrand

Nebeneinander ein paar Tage im Auto zu sitzen, war super. Wir fahren durch recht gleichbleibende Landschaften – glauben wir zumindest – jedoch muss man genau hinschauen. Bei einem Rastplatz halten wir zwischen zwei Seen, wir schnappen unsere Kameras und ich renne voraus zum Wasser. Zunächst mache ich ziemlich unbedarft ein paar Fotos. Der Himmel war grau und das Wasser vom Wind gekraust. Es war kein sehr schönes Motiv. Erst nach einigen Minuten schaute ich auf den Boden. Ich versank leicht. Ziemlich gruselig. Alles war moorig und an ein paar Löchern im Boden sah man, dass 5 Zentimeter unter dem Boden bereits wieder das Wasser stand. Auf ein Foto kann man das leider nicht bannen, aber die Vorstellung in mir wächst, dass wir hier dem Kampf der Natur beiwohnen. Ganz akut. Die Bäume werfen ihre Blätter und Nadeln ab, sie werden von den Baumwurzeln am Wegschwimmen gehindert und bilden eine Schicht, die dort vermodert. Daraus bildet sich dann eine dünne Bodenschicht. Klingt logisch. Vielleicht stimmt es sogar? Ich habe beschlossen meine Freundin R. danach zu fragen, wenn wir uns in Stockholm sehen. Sie weiß über so etwas meistens Bescheid. (Ich hab nach gefragt, und es ist genau so. Danke R.!) Die Landschaft sieht jeden Tag ein bisschen anders aus und langsam nähern wir uns der Landesspitze.

Sumpf und See, Lettland

In der ersten Nacht schlafen wir in Kolka, dem Ort direkt auf der Spitze und lassen uns den Kopf von den Schultern blasen. Die Unterkunft war einfach, aber herzlich. Im Sommer ist hier ein Campingplatz mit Ökotoilette und Freiluftdusche. Unsere Hausherrin engagiert sich für nachhaltigen Tourismus und betreibt Kulturerhaltung. Sie gehört zu dem Stamm der Liven, dessen Sprache nahezu ausgestorben ist und vor allem hier in diesem Ort weiterlebt. Im Sommer bietet sie livische Essenskurse an. Ein Ansatz ganz nach unserem Herzen. Falls ihr jemals nach Kolka kommt, macht einen Strandspaziergang...

Strand, Kolka, Lettland

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Comments: 7
  • #1

    yvonne (Wednesday, 30 November 2016 15:02)

    "Anerzogener Kinderwunsch" hört sich für mich komisch an. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht. So what.

  • #2

    Bella (Wednesday, 30 November 2016 18:07)

    Ich bin mir da nicht so sicher. Es geht eher darum die Entscheidung gegen Kinder nicht zu bereuen. Mir geht es darum meine eigenen Normen zu verstehen. Und die sind maßgeblich von dem geprägt, was mir vorgelebt und somit anerzogen wurde. Wenn meine Norm ein kinderreiches Haus ist (so wie ich das kenne) dann ist es das einfachste dass reproduzieren zu wollen. Das zu Leben ist wiederum nicht einfach...

  • #3

    Yvonne (Wednesday, 30 November 2016 19:34)

    Da ist viel Wahres dran. Wenn man selbst aus einem kinderreichen Haushalt kommt, möchte man das für sich auch gerne haben, wenn es schön war. Ich kenne auch Fälle, die zum genauen Gegenteil geführt haben. Kein Kind, weil man früh zur Erziehung der Geschwister herangezogen wurde.

  • #4

    Diana (Saturday, 03 December 2016 13:55)

    Liebe Bella, ich kenne einige Frauen, die nie einen Kinderwunsch hatten und finde nichts ungewöhnliches dabei. Auf jeden Fall hat man viel Zeit für sich selber und auch genügend Geld, weil man nicht ewig neue Schuhgrößen braucht, oder sich Gedanken über schlechte Noten machen muß. Ich habe ja großes Glück, daß meine 3 Kinder erfolgreich und zufrieden sind und etliche Freundinnen glauben mir das nicht.
    Meine älteste Freundin in HH, nennt mich nun "Wilde Hummel", weil ich öfter aufstehe, den Teewagen belade und mit 1 Krücke in die Küche fahre. Machs weiter sogut.Oma.

  • #5

    Bella (Saturday, 03 December 2016 14:25)

    Liebe Oma, Vielen Dank! Ich denke oft an dich, und freue mich über die "Wilde Hummel". Wir "Wilden Hummeln" müssen zusammen halten. Gruß und Kuss nach Hamburg!

  • #6

    ida (Tuesday, 06 December 2016 10:55)

    Labdien Bella!

    genieße lettland und vorallem Riga.

  • #7

    Bella (Wednesday, 07 December 2016 08:55)

    Paldies Ida, es gribu! :-) Bella