TURKU

English text
Flussufer, Turku, Finnland

Finnland. Ich war da. Hier würde ich mir eine Alternative organisieren müssen, endlich neue Tatsachen schaffen. Das letzte Land bevor ich die Sicherheit Europas und fürs erste meinen Kulturkreis verlassen würde. Mir wurde klar, dass in diesem Grenzübertritt eine der größten Hürden steckte. Ich hatte bereits einige Male am eigenen Leib gespürt, wie es war, wenn niemand eine Sprache verstand, die der meinen auch nur ähnlich war. Aber das machte mir nicht ganz so viele Sorgen wie meine Unwissenheit bezüglich der weiteren mir unbekannten Regeln und Konventionen. Ich schwankte zwischen der Angst vor der Fremde, vor dem größten Land der Welt, dem Herrschaftsgebiet Putins, und der Gewissheit, dass auch hinter der Grenze Europas Menschen lebten mit denselben Bedürfnissen wie hier. Ich stand vor der Aufgabe, nun alles das anzugehen, was ich immer lapidar und cool mit den Achseln zuckend abgetan hatte. Erst einmal müsste ich ja den Weg bis ganz in den Norden bewältigen.

Das gelbe Holzhaus in Turku, Finnland

Hier war es bereits deutlich kühler als in Stockholm und nur minimal trockener. Durch die Zeitverschiebung wurde es früher dunkel. Der Winter stand vor der Tür. Ursprünglich wollte ich Couchsurfen, jedoch waren die ausgesuchten Gastgeber gerade nicht vor Ort. Die Alternative war auch gut. Ich hatte ein AirBnB gemietet, welches ein Zimmer in einer WG war. Ich hatte Menschen um mich, ohne direkt mit ihnen kommunizieren zu müssen und ihnen als Gast verpflichtet zu sein. Ich wurde jedoch trotzdem spontan zu einem späten Frühstück eingeladen (17 Uhr und das Frühstück wird so eigentlich nur am Weihnachtsmorgen zubereitet, ist jedoch EXTREM lecker) und auf ein kleines Konzert einer lokalen Heavy Metall-inspirierten Synthesizer-Band mitgenommen. (Ja, war leider geil.) Das Studentenleben in Turku war so, wie das Studentenleben in anderen europäischen Städten. Es war beruhigend, das einmal wieder zu sehen. Ich fühlte mich trotz meiner inneren Unruhe zu Hause.

Zebrastreifen, Turku, Finnland

Die Finnen waren mir zu diesem Zeitpunkt noch recht fremd. Auf der Straße sah ich meistens Menschen, die in dunkle Klamotten gehüllt schnell von A nach B liefen. Anders als die modischen Schweden kleideten sie sich nicht Schickimicki, sondern praktisch, einfach und alternativ. Die Sprache war unentschlüsselbar. Ich konnte weder erahnen wo ein Satz noch wo ein Wort anfing oder endete. Zum Glück sprachen alle Englisch. Als ich auf das Konzert ging, war es Halloween. Ob die Finnen verkleidet waren oder nicht, konnte ich nicht ausmachen. Es war eine kleine Meute von schwarz gekleideten Gestalten, die bei näherer Betrachtung sehr hip schienen. Die Mädels hatten häufig kurze Haare oder Undercuts, hippe Beanies und feste Stiefel, oder sehr, sehr langes Haar, nicht selten blond und wellig. Es war ein Mix zwischen alternativen Hipstern und jungen Menschen, die den Hippies aus den 70er Jahren ähnelten. Denkt an Blumen, bunte Strickpullis und Jeans. Tanzen tat keiner. Das höchste der Gefühle war ein wippender Kopf. Erst zu späterer Stunde ließ sich ein Batman dazu verleiten, zum Amüsement aller Anwesenden, so richtig abzudancen. Die Finnen fingen solchermaßen animiert allerdings nicht an zu tanzen, sondern zückten ihre iPhones und filmten die zuckenden Bewegungen des Batmans.

Statur vor dem Dom in Turku, Finnland

In den kommenden Tagen erkundete ich die Stadt in langen Spaziergängen. Ohne es zu wissen, war ich in einer der ältesten Städte Finnlands gelandet. Es gab eine schöne Altstadt mit einem alten Dom, der alle meine Fantasien vom mittelalterlichen Norden erfüllte. Dunkel, kahl, massiv, beeindruckend. Draußen waren alte Holzhäuser, zwischen deren Baulücken moderne Universitätsgebäude und Museen standen. Wenn die Sonne schien, stand sie meistens so tief, dass sie durch die Straßen flutete und große lange Schatten produzierte. Außerdem leuchtete sie alle Unebenheiten auf der Fassade der Häuser aus und warf ein unwirkliches goldenes Licht auf die Stadt. Alles brillierte und leuchtete warm. Es war wie ein Gruß: Hier bist du richtig.

Der Innenraum des Domes in Turku, Finnland

Wieder einmal überwand ich meinen inneren Schweinehund und begab mich auf die einschlägige Website, um mir eine Gastfamilie zu suchen. Schnell realisierte ich, dass das in Russland schwierig werden würde und entschied mich dafür, meine Suche auf Finnland auszuweiten. In Finnland suchen überdurchschnittlich viele Familien ein Au-pair. Später würde ich erfahren, dass das daran lag, dass es kaum Halbtagsstellen gab. Die Mütter mussten sich zwischen ziemlich guten Verdiensten oder den Kindern entscheiden. Obwohl ich bereits in Turku anfing, mit den Familien zu schreiben und sogar bereits das erste Skypegespräch hatte, ließ sich das alles nicht so schnell in trockene Tücher wickeln. Ich saß gefühlsmäßig zwischen allen Stühlen. Ich war frustriert von meinem Herumgereise, gespannt auf die neuen Möglichkeiten, zuversichtlich, dass alles gut gehen würde und im Hinterkopf besorgt, dass ich dabei war, einen großen Fehler zu begehen. Einerseits war ich kein Kind mehr, welches sich vor sich selbst in den sicheren Hafen einer Familie retten musste, andererseits wollte ich eine finnische Normalität kennenlernen und in der Gemütlichkeit und Routine eines Zuhauses Kraft tanken.

Mittelalterliche Straße in Turku, Finnland

In Turku hatte ich endlich mal wieder Zeit, mit einigen Freunden von zu Hause zu skypen. Das war toll. Diese Telefonate machten mich glücklich und bestätigten mich in meinem Reisevorhaben. Das Leben an der Heimatfront tobte. Zwei meiner Studienfreundinnen waren gleichzeitig schwanger geworden, es wurde umgezogen und neue Arbeitsstellen angetreten. Es gab eine Menge zu besprechen. Außerdem tat es ungemein gut einmal wieder einen kleinen Realitätsabgleich zu bekommen. Die Gewissheit was in Deutschland vor sich geht – genau wie erwartet Kinder, Arbeit, Alter, Tod – wischte die restlichen Überbleibsel von Zweifel aus meinem Gemüt und füllte mich auf mit altvertrauten Geschichten, Menschen und Selbstbewusstsein.

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