ROVANIEMI

English text
Brücke über dem gefrorenen Fluss Kemijoki, Rovaniemi, Finnland

In meinen letzten Wochen in Deutschland, hatte mich ein guter Freund auf eine Kino Zelle in Rovaniemi hingewiesen. Rovaniemi ist eine Stadt im Norden Finnlands, am südlichen Rand von Finnisch Lappland, am nördlichen Polarkreis. Hier wird es im Winter früh dunkel und spät hell. Außerdem ist es verdammt kalt. Ich besuchte ein Festival, ein KinoKabaret. Das ist ein Workshop, bei dem Kurzfilme gedreht werden. Eine Kino Zelle ist eine Gruppe von Kurzfilmenthusiasten, die sich ein paar Mal im Jahr treffen, um in kurzer Zeit Filme zu realisieren. Wenn es ein Treffen gibt (ein sogenanntes KinoKabaret), wird es im Internet verbreitet und wer möchte, kann kommen. Es gibt sie überall auf der Welt. Wann immer es mir möglich ist, werde ich an solchen Treffen teilnehmen. Falls ihr mehr wissen wollt, lest dies, dies, oder jenes.

Gefrorene Baumkronen vor dem hell erleuchteten Himmel in Rovaniemi, Finnland

In typischer Bella-Manier hatte ich meinen Schal, meine Mütze und meine Handschuhe vergessen. Optimal ausgestattet kam ich also im Norden an. Beim Aussteigen sah ich meinen Atem in der Luft hängen. Das Bahngleis war vereist. Ich stand auf einer Ebene. Um mich herum sah ich Schienen und einige Bäume in der Ferne. Alles war weiß. Zögerlich folgte ich den anderen Reisenden, die um die vordere Spitze des vereisten Zuges herum gingen. Erst dort sah ich den Bahnhof. Es war ein kleines, einstöckiges Gebäude, welches trostlos an einer großen Straße stand. Vor dem Bahnhof parkten gespenstisch wirkende Autos. Die Dunkelheit wurde durchbrochen von dem grünlichen Licht der Straßenlaternen. Es schneite.

Stadtplan von Rovaniemi

Über das Festival hatte ich den Kontakt zu K. bekommen, bei der ich unterkommen sollte. Sie war noch bei einer Freundin und wir verabredeten, dass ich zunächst dorthin laufen würde. Ich folgte meiner Handynavigation entlang einer großspurigen Straße, vorbei an schmucklosen Neubauten und gedrungenen Holzhäusern. Überall war Licht und Eis. Noch nie habe ich so große Schneeberge gesehen. Sie waren ein vielfaches höher als ich, richtige Schneedepots. Als ich bei meinem Ziel ankam und klingelte, öffnete mir eine freundlich lächelnde Frau, die mich mit finnischer Unkompliziertheit herein winkte. Ich zog meine Schuhe aus, blieb in meiner Jacke stecken und ging mit meinen Gastgebern erst einmal auf den Balkon. Die Wohnung war das absolute Chaos. Überall lagen Klamotten, Papiere und Zettel herum. Hier sah es aus wie in meinem Kopf. Die Mädels, beide nur wenig älter als ich, am Ende ihrer Studienlaufbahn und auf der Suche nach ihrer kreativen Ausdrucksform, stellten sich dieselben Fragen wie ich. Sie steckten in ähnlichen Konflikten mit ihren Lehrern und der Sinnlosigkeit einer uninteressanten Universitätsausbildung. Schnell fanden wir heraus, dass uns sehr viel mehr verband, als unser Interesse an Kunst.

Der Workshop selbst fand in der Universität statt. Ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt, keine Studentin mehr zu sein. Hier inmitten der Uni fühlte ich, dass diese Zeit endgültig vorbei war. Ich musste mich niemandem gegenüber mehr rechtfertigen, keinem Theoretiker mehr irgendetwas erklären, woran er sowieso kein Interesse hatte, keine pseudointellektuelle Schaumschlägerei formulieren und so tun als würde ich mich dafür interessieren, warum ein Poet höchstwahrscheinlich ein bestimmtes Wort gewählt hat, obwohl die einzige Sache, die von Interesse war ist, warum diese Worte auch heute noch zu uns sprechen. Das war nicht meine Welt. Das würde nie wieder meine Welt sein. Hier war ich nur zu Besuch und als Besucher sah diese Welt klein und unbedeutend aus. Ein künstliches Gehege in der junge und talentierte Menschen klein gehalten wurden. Ich war keine Studentin mehr.

Brücke über dem Kemijoki, Rovaniemi, Finnland

Neben den großartigen Menschen die ich dort getroffen habe, erlebte ich hier zum ersten Mal einen richtigen Winter. Die weißen Baumwipfel, eingewickelt in Väterchen Frost, die Eisflächen, die von Einheimischen zum Hockeyspielen belagert wurden, der sandähnliche Schnee, der beim leichtesten Windhauch durch die Luft wirbelt und das arktische Licht, welches den Himmel zur Hauptattraktion dieses Ortes machte, faszinierten mich sehr. Noch nie hatte ich trockenen Schnee gesehen. Aufgewirbelt in der Luft und von der tief stehenden arktischen Sonne angestrahlt, verwandelte er sich in Millionen kleiner Diamanten und verlieh dieser, städtebaulich an vielen Stellen reizlosen Stadt, magischen Charme. Täglich lief ich eine halbe Stunde von dem von Alvar Alto entworfenen Reihenhaus zur Universität, durch kleine Waldstücke hindurch, vorbei an neuen Holzhäusern und immer größer werdenden Garagen. Die kurzen Tage machten mir zu schaffen. Ich war so daran gewöhnt meiner inneren Uhr zu vertrauen, dass es mich ziemlich aus dem Konzept warf, wenn ich zwei Stunden nach Sonnenuntergang, um 17 Uhr bereits so müde war, dass ich hätte einschlafen können. Wenn ich dann gegen Mitternacht versuchte wirklich zu schlafen, hatte mein Körper bereits die Müdigkeitsgrenze überschritten, die Rädchen im Kopf drehten sich mit Volldampf und an Schlaf war nicht zu denken. Erst als es gegen 9 Uhr zu dämmern anfing, wurde mir klar, dass ich hätte schlafen müssen. Es war zum Verzweifeln.

Der gefrorene Kemijoki, Rovaniemi, Finnland

Gerne hätte ich noch mehr gesehen als diese Stadt mit ihrem gefrorenen Fluss und den weißen Baumwipfeln. Eines Tages werde ich zurück kommen und Lappland erkunden, sowohl im Sommer, als auch im Winter. Dieses unwirkliche Licht, die sanften Hügel und das an manchen Stellen flache Land hat einen unglaublichen Charme. Es sind so viele Details, die hier zusammenkommen und sich zu einem magischen Potpourri addieren. Es ist anders als man sich das in Zentraleuropa vorstellen kann. Es lohnt sich, es einmal mit den eigenen Augen gesehen zu haben. Mich werden meine Füße irgendwann wieder hier her tragen.

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