DIANA

English text
Regentropfen am Autofenster, Finland

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Ich wachte eines Morgens auf und bevor ich das Licht anmachte, checkte ich die Uhrzeit. Mein Blick fiel auf mein Handy: „Oma ist um zwei Uhr heute Morgen gestorben, nachdem sie ein Hirnödem bekommen hatte.“

 

So sitze ich erstmal im Dunkeln. Typisch für meine Familie werden emotionale Botschaften auf bare Fakten heruntergebrochen. Es braucht eine Weile bis ich verstehe, was das bedeutet. Ich weiß nicht, was ich tun soll, also bleibe ich, wo ich bin, eingemummelt in meinem von Schlafwärme erfüllten Bett im ansonsten kalten Zimmer in Vantaa, Finnland. Bald spüre ich, wie sich nasse Flecken auf meinem Schlafanzug bilden. Tränen kullern über meine Wangen, die schwarze Nacht ist wie eine schützende Decke, als wäre die Zeit stehen geblieben, als könnte das Ziehen in meiner Brust und in meiner Kehle den Moment hinauszögern. Der Sonnenaufgang würde unweigerlich kommen. Mit ihm würde der Tag beginnen. Der erste Tag ohne sie als Teil meiner Welt.

 

In gewisser Weise hatte ich mich auf diese Situation vorbereitet. Nicht wirklich und tatsächlich, eher spielerisch und leichtfertig. Deswegen war ich mit ihr nach Helgoland gereist, bevor ich Deutschland den Rücken zukehrte. Als ich ihr damals in Hamburg Tschüss sagte, wusste sie viel besser als ich, wie die Wahrscheinlichkeiten für ein Wiedersehen standen. Sie wusste, was Abschied bedeutete. Ich ahnte es nur.

 

Sie war eine meiner treuesten Leserinnen und hat die besten Kommentare unter meine Artikel geschrieben (1, 2, 3). Sie verstand nicht, woher ich den Mut und die Zuversicht nahm, einfach so los zu reisen. Aber sie nahm es hin. Sie war eine harte, leidenschaftliche und scharfzüngige Person und sie war für mich eine der wichtigsten Identifikationsfiguren in meiner Familie.

 

Das kam daher, dass ich als einziges blondes Kind in eine Familie von Dunkelhaarigen geboren bin und bei Fragen immer auf das blonde Haar meiner Oma verwiesen wurde. Es ist nicht überraschend, dass ich häufig zu ihr schaute, um Ähnlichkeiten zu suchen. Ich fand sie.

 

In Vantaa traute ich mich zunächst zögerlich die Treppen hinunter. Es war ein Wochenende und inzwischen hell draußen, die ganze Familie war im Haus. Freundlich wurde ich begrüßt und in den morgendlichen Ablauf eingegliedert. Mit R. und B. alleine teilte ich ihnen mit, was passiert war und dass ich eventuell nach Deutschland fliegen würde. Später stellte sich heraus, dass das nicht nötig war, aber das ist ein anderes Kapitel.

 

B. und R. kennen Trauer viel besser als ich. Sie trafen genau den für mich richtigen Ton zwischen Anteilnahme, Wärme, Trost und Distanziertheit. Sie gaben mir den Autoschlüssel und ließen mich ziehen. Ich war froh, mir die Zeit nehmen zu können.

 

Draußen in der Natur schaffte ich es langsam, mich zu fassen. Noch nie war ich so Traurig. Ich bin froh, dass es nur die Kaninchen, die Bäume und mein Auto, der Silver Bullet, sahen. Meine Tränen waren keine Aufforderung an die Außenwelt. Sie verschafften Erleichterung und wie das Lachen drückten sie ein Gefühl aus ohne eine Reaktion zu fordern.

 

Ich bin froh, nicht zu Hause zu sein und mich mit meiner Familie auseinandersetzen zu müssen. Jeder von uns hatte ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu Oma Muck und jeder ein anderes Bedürfnis zu trauern.

 

Noch nie war ich einfach nur traurig. Trauer ohne Wut, Scham, Machtlosigkeit. Ein bisschen erstaunt stelle ich fest, dass reine Trauer wie andere Schmerzen ist, eine Gratwanderung zwischen Schmerz und Geborgenheit, so bitter, wie es süß ist. Am Anfang ist es unangenehm und raubt einem den Atem, bis es Sekunde für Sekunde ein bisschen weniger weh tut. Unter dem Schmerz liegt die Erinnerung an Momente, Tage und Gedanken, die man geteilt hat und nun nicht mehr teilen können wird. Boom. Wieder ein Stich.

 

Niemals werde ich diesen Blog samt ihren Kommentaren jemals löschen können. Ich muss weitermachen. Auch wenn die Leserzahlen noch nicht ins Unermessliche gestiegen sind und mein Einkommen sich nach wie vor aus meinem Ersparten generiert. Es gibt jetzt erst recht keinen Weg zurück.

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Comments: 1
  • #1

    Yvonne (Monday, 20 February 2017 22:43)

    Friede ihrer Asche. Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken.