DILIJAN

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Der Herbst ist da, Dilijan Nationalpark, Armenien

Mein Besuch in Dilijan ist geprägt von dem im vorangehenden Post beschriebenen Vertrauensbruch. Ich hatte die Schnauze gehörig voll von Armenien. Dilijan ist eine nette kleine Stadt, aber die Stellung der Frau wurde mir hier immer beklemmender bewusst. Durch R., die ich in Alaverdi kennenlernte, bekam ich Kontakt zu I. und S., ebenfalls Freiwillige. Beide kommen aus Deutschland und bestreiten bereits seit einigen Monaten die armenischen Untiefen. Sie lernen die Sprache, können bereits lesen und haben einige spannende Momente erlebt. Da sie vom European Volontary Service entsandt wurden, haben sie einen armenischen Aufpasser. Das ist Segen und Fluch zugleich. Fluch, weil jede Bewegung beobachtet und kommentiert wird und Segen, weil er tatsächlich unverzichtbar ist. Diese ständige Beobachtung ist ganz typisch für dieses Land. Hier weiß jeder über jeden Bescheid.

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EIN NEUER ANFANG

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Blumenvielfalt auf 2.000 Metern, Kazbegi, Georgien

Georgien. Der Kaukasus beginnt hier von einer Sekunde auf die andere. An der Stelle, an der mich mein russischer Taxifahrer abgesetzt hat, ist das Tal noch breit und die Berge sehen aus wie schmächtige Halbwüchsige. Der Grenzübertritt nach Georgien liegt einen Kilometer südlich in der Kerbe einer mächtigen Schlucht. Die Dreitausender steigen zu allen Seiten selbstbewusst in die Höhe und gebieten Ehrfurcht. Anstelle von Militär wird die Grenze hier von einem großen Mönchskloster bewacht. Dort mache ich meine erste Pause und gratuliere mir zum Landeswechsel. Schon lange bin ich dazu übergegangen auch kleine Etappen zu feiern. Manchmal ist der Weg im Kopf so viel weiter als die tatsächlichen Kilometer.

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EIS, EIS, BABY!

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Die Wolga mit den Jiguli-Bergen, Samara, Russland

Das langsame Erwachen der Natur fasziniert mich sehr. So habe ich den Frühling noch nie erlebt. Seit drei, vielleicht sogar vier Wochen friert es tagsüber schon nicht mehr. Trotzdem liegt immer noch Schnee im Straßengraben und auf dem Strand an der Wolga. Jetzt wird dort unten am Fluss der Sand sichtbar und die letzten meterdicken Eisschollen am Ufer liegen verloren herum. An schönen Nachmittagen kann ich erahnen, was für einen schönen Sommer es hier geben wird. Die Eisplatten sind an einigen Stellen des Ufers noch so groß, dass sie sich nicht bewegen lassen. Die kleinen Wellen des noch nicht befahrenen Flusses klatschen leise gegen das Eis, sie höhlen die Eiskanten aus und bilden überraschend stabile, über das Wasser hinausreichende Eisdächer.

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GEFÄHRLICHES RUSSLAND

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Stromausfall bei Straßenbahnen im Aprilschneesturm, Samara, Russland

Eigentlich wollte ich über Pfannkuchen schreiben. Aber als ich heute morgen über die Straße lief, entschied ich mich anders.

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DIE WOLGA

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Vom Stadtrand aus gesehen, Samara, Russland

… ist hier in Samara ein verdammt breiter Fluss. Ich erlebe sie noch zugefroren, so dass man ohne Probleme darüber wandern kann. Es dauert eineinhalb Stunden bevor wir auf der Insel ankommen werden, die vor der zweiten, der weit schmaleren Hälfte liegt. Der Weg ist eine täglich patrouillierte und gesicherte Straße über das Eis. Obwohl der Schnee platt gedrückt ist, versinken wir bis über die Knöchel im darauf liegenden Schnee. Nur Ева (Jewa), die Familienhündin, hat damit keine Probleme. Sie wälzt sich genüsslich im Schnee und versucht ihre Nase unter die weiße Decke zu schieben. Der graue Himmel, die klitzekleinen Schneeflocken und der eiskalte Wind setzen ihr nicht zu. Der Rest der Familie hat bereits alle Mützen, Handschuhe und Schals über die dem Wind ausgesetzten Hautzonen gezogen. Da wir in der Regel tun, was wir uns vornehmen, laufen wir schweigend bis zu der Insel auf der anderen Uferseite. Dort sehe ich den ersten Buntspecht der den Stamm einer Birke bearbeitet. Auch hier streckt der Frühling trotz Schneegestöbers seine Fühler aus. Die Insel ist ein Paradies für Jäger und Eisfischer, die uns zahlreich entgegenkommen. Alle sind eingepackt in Tarnkleidung, mit armeegrünen Rucksäcken ausgestattet und nicht selten Eisbohrern auf schlittenähnlichen Tragen, die sie hinter sich her ziehen. Da wir auf der Insel das Marschland und seine Bewohner bereits beobachten konnten und somit wussten was uns auf der anderen Seite des Ufers erwarten wird, entscheiden wir uns für einen heißen Tee zuhause. Der Rückweg würde auch so lange genug werden.

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MOSKAU

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Kremlin und Citycenter, Moskau, Russland

In Moskau werde ich von J. am Bahnhof abgeholt. Ich bin froh, sein vertrautes Gesicht zu sehen und genieße es, nichts in Erfahrung bringen zu müssen, nur zu folgen und alles zu finden ohne zu schauen. Weil ich nur zwei Nächte in der Hauptstadt bleiben werde, bringen wir mein Gepäck weg und stürzen uns in das Gewühl der Stadt. Für Moskau habe ich keine Stadtkarte gemacht. Es ist riesig und ich weiß nur sehr punktuell, was ich alles gesehen habe. Irgendwie vieles um den Roten Platz herum, Millionen von Lichtern, Hunderte von Pelzmänteln, (mehr als fünf, aber weniger als zehn) Metrostationen, schöne Menschen, Supermärkte, Statuen, viele Statuen, Kirchen, Parks, Einkaufsstraßen. Nachts brennen meine Beine, sind so dick wie noch nie und meine Kniekehlen hören nicht auf zu klagen.

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MIT KOPFSPRUNG INS VERGNÜGEN

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Nevsky Prospect in der Nacht, St. Petersburg, Russland

Als ich aus dem Zug ausstieg, war es bereits dunkel in Sankt Petersburg. Die Zugfahrt hatte nur dreieinhalb Stunden gedauert und so anders fühlte sich das Russland hier im Norden nicht an. Es war ein wenig kälter als Vantaa. Außer dem Übermaß an uniformierten Menschen, der großen Anzahl von pelztragenden Frauen jeden Alters, den kyrillischen Buchstaben und der großen Schere zwischen teuren und billigen Autos, schien mir der Unterschied zwar da, aber nicht schockierend zu sein. In meinem Kopf schwirrten alle Vorwarnung der Menschen aus Russland herum, die mir das Bild eines wilden und rücksichtslosen Landes gezeichnet hatten. Hier jedoch fand ich nichts Wildes oder gar Rücksichtsloses (nicht mal der Verkehr!).

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EISSCHWIMMEN

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Das erste Mal, Finnland

Ich hatte Eisschwimmen bereits in meinem Hinterkopf in irgendeiner Ecke verbuddelt. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es keine Finnen, die diesem Sport frönten. Dachte ich zumindest. An einem meiner letzten Wochenenden in diesem bezaubernden Land bekam R. eine E-Mail mit der Frage, ob wir das nicht mit einer befreundeten Mutter einmal ausprobieren wollten. Sie hatte das vor 10 Jahren einmal gemacht, wusste, wo man hingehen musste und hatte Lust darauf. Ich war sofort Feuer und Flamme. R. bekam weiche Knie. Sie war eine langsam-ins-Wasser-watende Person und war sich fast sicher, dass in 0,6 Grad kaltem Wasser zu schwimmen nicht ihrer Vorstellung von Entspannung entsprechen würde. Sie gab sich einen Ruck und packte alles, was man zum Eisschwimmen benötigte: Badeanzüge, ein großes und ein kleines Handtuch zum Duschen und in der Sauna draufsitzen, Krocks, Beanies und Limonade. Im Auto wurde mir flau im Magen. Ich hatte große Töne gespuckt, war mir so kurz davor dann aber doch nicht mehr sicher. Bin ich denn blöd? Die Finnen spinnen doch sowieso, warum tue ich mir das eigentlich an? Eisschwimmen. Also wirklich!

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SISU

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Eine ganz normale Landstraße in Vantaa, Finnland

Mein Gastvater ist ein ehemaliger Rallyefahrer. Wenn ihr an Autorennen denkt, kommt gedanklich weg von der Formel 1 und hin zu dem, was Finnland wirklich zu bieten hat. Da ich selber überhaupt keine Ahnung von Autos, Rennen und Rallyes habe, schaut euch das folgende Video von Top Gear mal an:

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DIE KURISCHE NEHRUNG

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Fähre auf die Kuhrische Nehrung

Nach 4 Tagen in Klaipéda, in denen ich mir entweder den Kopf zerbrochen hatte oder ohne Erfolg relativ verzweifelt wegen meines verlorenen Geldbeutels von Büro zu Büro gelaufen war, beschloss ich, mich mit einer Fährfahrt zu belohnen. Ich hatte auf einer der Broschüren gelesen, dass es irgendwo auf dieser Insel ein Delfinarium geben sollte und beschloss zur Not einfach dorthin zu gehen. (Ich war noch nie in einem solchen Etablissement und hatte keine Ahnung, was mich dort für eine Tierquälerei erwarten würde.)

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KLAIPÉDA

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Kapitel 1, 2 und 3 der Geschichte lesen.

Dies ist Kapitel 4/4.

 

Als ich in Klaipéda ausstieg, stand die Sonne knallrot am Himmel. Die Wolken fingen das rosarote Licht dramatisch ein. Ich empfand es als gebührende Würdigung meines Seelenzustandes und lief in Richtung meines AirBnB. Zum Glück standen hier vor jedem Bahnhof Stadtkarten und es gab in jedem Fernbus Internet. Ich wusste genau wohin. Den Bus in die Stadt konnte ich nicht nehmen, da selbst die 80 Cent dafür nicht zu finden waren. Bettelarm, hungrig und isoliert stand ich also in der fremden Stadt. (Wie schnell das manchmal geht...) Aus den Bewertungen auf AirBnB wusste ich bereits, dass meine Gastgeberin einen Obstteller und Tee für Ihre Gäste bereitstellte. Ich hätte fürs erste etwas zu essen, Wärme, eine Dusche, ein Bett und einen Ansprechpartner. Für die Umstände würde es mir prächtig gehen.

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IRGENDWO = KAUNAS

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Lampen in der Nacht...

Kapitel 1 und 2 lesen.

Dies ist Kapitel 3/4.

 

Mit meinen gut unter meiner Kapuze versteckten Kopfhörern saß ich auf der Bank vor dem Gleis, an dem der Bus nach Klaipeda abfahren sollte. Die Busfahrer hatten mich bis vor die Haustür gebracht. Erst jetzt realisierte ich den Grad ihrer Fürsorge und verstand erst langsam, dass die Zeit in Litauen eine Stunde weiter gestellt war. Obwohl es auf meiner Uhr erst vier Uhr morgens war und der Bus laut Plan erst um 6:25 Uhr nach Klaipeda abfahren würde, musste ich trotz alledem nur 1 Stunde und 30 Minuten warten. „Nur“ war allerdings relativ, da es arschkalt war und sich hier dunkle Gestalten herumtrieben. So dunkel wie ich... Zur Sicherheit hörte ich Podcast. Ich hörte mich durch die neuesten Folgen von Reply All, Sampler und The guilty Feminist. Ich musste ständig schmunzeln. Podcasts sind so etwas wie Heimatersatz während meiner Reise. Die Heimat zwischen den Ohren.

Alle waren eingemummelt in ihre langen, meist schwarzen Mäntel. Nur beim genauen Hinsehen erkannte ich wie stylisch einige von ihnen waren. Ein Reisender stellte sein Gepäck zu meinem und fragte mich etwas auf Litauisch. Ich konnte ihm nur in Einwortsätzen und Zeichensprache Antworten. Er wollte auch nach Klaipeda, musste sich jedoch noch ein Ticket kaufen. Er ließ sein Gepäck bei mir stehen und ging zum Ticketbüro. Ich wußte nicht so recht, ob er ein Terrorist oder ein ganz normaler Mensch war. Ich war so geprägt von dem Terrorismusnarrativ, dass es mir fast ständig in den Kopf schwirrte. Außerdem hielt er ein schlecht verpacktes Etwas in der Hand. Es sah aus wie eine Drogenlieferung aus einem Film. Er trug es immer bei sich. Ich fragte mich, ob die Buslinien wohl ein häufig verwendetes Transportmittel für den Drogenschmuggel waren... Am Ende ließ er sogar dieses Päckchen neben mir stehen und als er eine Brille aus der Tasche zog, sah er plötzlich aus wie ein Architekt mit einem kleinen Modell. Es war wahnsinnig spannend zu sehen wie viel meiner Wertung vom Äußeren eines Menschen abhing. Eine Brille verwandelte einen Terroristen in einen Architekten. Just like that. Unser Vertrauensverhältnis baute sich langsam aus. Inzwischen verstanden wir uns ohne Worte. Am Ende ging auch ich zum Ticketoffice und ließ meinen großen Rucksack bei ihm. Mir war der Gedanke gekommen, dass ich eventuell Schwierigkeiten mit meinem Ticket bekommen könnte. Vielleicht musste ich mir gar ein Neues kaufen? Vielleicht war ich einem Internetbetrüger auf den Leim gegangen und die Eurolines-Busfahrer waren einfach nur freundlich gewesen und hatten Mitleid gehabt? Schließlich war mir das alles unklar. Lost in Translation. Im Ticketoffice merkte ich, dass mein Portmonee nicht mehr in meiner Tasche war. Panik. Ich besaß jetzt nur noch meinen Reisepass. Führerschein, sämtliche Bankkarten und mein Personalausweis war weg. Mein Kopf raste. WER? WIE? WAS? WO?

Es musste mir aus der Tasche gefallen sein, im Bus. Mein Ticket war zum Glück auch für diesen Bus gültig. Die Dame eilt mir hinterher, da ich vor lauter Schreck einfach raus gegangen war aus dem Ticketbüro, ohne Ticket. Ich hätte kein Geld gehabt, mir ein neues zu kaufen und wäre ohne Internet, ganz alleine in Kaunas gestrandet. Im Bus schriebe ich M. eine E-Mail (der Studentin aus dem Bus von Gdansk nach Kaunas), sie antwortet fast sofort. Leider war sie bereits in einem anderen Bus nach Riga. Sie schickte mir jedoch alle Adressen, die ich kontaktieren musste, um die Geldbörse eventuell wiederzuerlangen. Ich war unendlich dankbar sie getroffen zu haben und dass ich bereits ein AirBnB gebucht hatte. Ich wusste, wo ich hin musste. Ein Schritt nach dem anderen.

 

(die Geschichte geht weiter.)

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VON POLEN NACH LITAUEN.

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Kapitel 1 lesen.

Dies ist Kapitel 2 von 4.

 

Ich hatte ausgerechnet, dass, wenn ich gegen 20 Uhr versuche einzuschlafen, ich immer noch auf meine 8 Stunden Schlaf kommen könnte. Mehr oder weniger ausgeschlafen würde ich also „Irgendwo“ sitzen. Das war schonmal besser als meine jetzige Situation; außerdem würde um 6 Uhr die Sonne aufgehen. Einmal im Land kommt man überall hin und bei Tageslicht erst recht. Essen würde ich dann dort auch finden. Ich war also ziemlich entspannt, oder eher angespannt-entspannt. Ein für mich neues Gefühl.

Die junge Lettin, M., fragte mich, wo ich hin wollte, warum ich reise, etc. und wir fingen ein sehr nettes Gespräch an. Studenten sind ähnlich wo auch immer man sie trifft. Es entsteht unglaublich schnell ein Vertrauensverhältnis, eine gemeinsame Basis. Wir tauschten Mailadressen aus (eine göttliche Fügung!!!), unterhielten uns über meine Visitenkarten, die sie mit professionellem Blick als schön einstufte (jeah! Sie war vom Fach) und tauschten uns über unsere Reisen aus. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich die Visitenkarten zur richtigen Zeit, am richtigen Ort hervor ziehen und sie jemandem, den ich nicht bereits kannte, in die Hand drücken. Sie war eine erfahrene Busreisende und reiste weiter nach Riga, hatte einmal eine Fernbeziehung nach Deutschland gehabt, sprach alle Sprachen, die ich nicht sprach und ziemlich perfektes Englisch. Ich war unglaublich erleichtert. Sie fragt nach meiner Route und versprach ihre Kontakte nach Estland spielen zu lassen, um mir eine Couch in Talinn zu organisieren. Denn „It's much nicer to stay with someone when that someone knows someone else that knows you as well.“ Eine Logik, der ich folgen konnte. Was mich an dieser Möglichkeit jedoch am meisten reizte, waren die zufälligen Verbindungen und Netzwerke, die sich dadurch erschlossen. Vor meinem inneren Auge sah ich ein Netzwerk von roten Linien, das sich um den Globus erstreckt. Es waren all die kleinen Verbindungen und Bekanntschaften, die einander kennen und füreinander aktiv werden, all die Möglichkeiten, die Geschichten, die Blickwinkel. All die kleinen verschiedenen Welten und Gesellschaften – die weitestgehend verschlossen nebeneinanderher leben und nur durch zufällige Bekanntschaften miteinander in Verbindung treten – bildeten das rote Netzwerk, welches gerade in meinem Kopf vibrierte.

Für einige Stunden war ich ganz bei mir, im Hier und Jetzt, versöhnt mit der Welt. Mein Vertrauen in den Weg (trust the road) war tief und ich fühlte mich sicher und geborgen. Die alten Damen, die vor mir saßen und sich bald über alle vier Sitze ihrer Reihe ausstreckten, in regelmäßigen Intervallen alle aufweckten, um aufs Klo zu gehen, unterhielten sich plätschernd. Sie rochen wie alte Frauen in Deutschland, ihre Proviantkörbe waren jedoch mindestens doppelt so groß. Ich freute mich auf das ausgiebige Frühstück, wenn ich „Irgendwo“ ankäme und trank einige Schlucke aus meiner Flasche. Zu meinem Erstaunen verteilt der Busfahrer 0,5 Liter Wasserflaschen an jeden, sodass mein Vorrat aufgefüllt werden konnte und ich auch am Morgen hydriert bleiben würde. Es waren die kleinen Dinge auf dieser Reise, die mich glücklich machten.

Auf dem Rücken liegend, über alle vier Sitze des Busses ausgestreckt (do like the locals do), fand ich einen tiefen und erholenden Schlaf. Aufgeweckt wurde ich nur dann, wenn eine der alten Ladies auf die Toilette ging. Dann starrte ich an die Decke des Busses, grübelte über das Design der Sitzbeleuchtung nach – war es Absicht, dass sie im Dunkel aussahen wie ein Pitbull? Ich versuchte es zu fotografieren, aber mein iPhone war nicht gut genug und meine große Kamera zu tief unter meinem Sitz. Außerdem schlief ich fast. Ich machte trotzdem ein iPhone-Foto (siehe oben), postete es (das Internet im Bus war vorzüglich) und hoffte dabei inständig dass meine Eltern bereits schlafen würden und NICHT live mitbekamen dass ich im Bus ins Nirgendwo saß. Schließlich mussten sie am nächsten Tag früh raus und brauchten ihren Schlaf. Ich wähnte mich in Sicherheit, da es bereits nach 22 Uhr war. Dann drehte ich mich auf die Seite und versuchte erneut zu schlafen. Nur für den Fall, packte ich mein Portmonee in die mit Reisverschluss verschließbare Tasche meines Fleeces und deckte mich mit meiner Überjacke zu. Es war kuschelig warm, am Busfenster flog ein wunderschöner Sternenhimmel an mir vorbei. Wir waren bereits „Irgendwo im Nirgendwo“ zwischen Polen und Litauen. Im Schlaf fanden meine Hände den Weg in meine Fleecetaschen und umschlossen mein Portmonee, alles war hier. Nichts vergessen, nichts verlegt. Es gab keine Probleme, die ich nicht alleine bewältigen konnte.

Das nächste Mal wurde ich vom Busfahrer geweckt, wir waren da. Eine Stunde früher als angekündigt, aber hier musste ich raus. Ich packte meinen Rucksack, schlüpfe hastig in meine Schuhe und stolperte aus dem warmen Bus in die kalte Nacht. Und dort stand ich dann. Aus dem Bus schauten mich die alten Damen, mit großen Augen an. Als könnten sie nicht verstehen, warum sich das eine junge Frau alleine antat. Eingemummelt in mein Fleece, meine Jacke und (zum ersten Mal auf der Reise) meinen selbst gestrickten Wollschlauchschal, zog ich meine Kopfhörer auf, meine Fleecekapuze drüber und setze mich auf eine Bank in die Dunkelheit.

 

(Die Geschichte geht weiter.)

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NACH KLAIPEDA, BITTE.

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Handgeschriebener Spruch: "Irgendwo im Nirgendwo"

 

Teil 1 von 4

 

Gdansk. Nach drei wunderschönen Tagen in Gdansk bei E & B wusste ich eins sehr sicher: Ich brauchte Einsamkeit und „a room of my own“. Ich musste noch so viel kleines Zeug organisieren, meinen Blog irgendwie dazu bringen, dass er mehr oder weniger von alleine läuft und überhaupt einen Raum haben, in dem ich schreiben kann. AirBnB: Raum gefunden, Zimmer gebucht, voilà! Nächster Stop Klaipeda. Luftlinie zirka 277 km. Mit dem Bus würde ich einmal um Kaliningrad drumherum fahren. Tatsächliche Strecke: 670km. Nicht ideal, aber für Kaliningrad war ich noch nicht bereit. Gemerkt, respektiert und Alternative gesucht. Der direkte Wasserweg war ausgeschlossen. Ich habe im Internet einen Nachtbus gebucht. Ahnungslos wie ich bin, einfach irgendwo.

Ich hatte bereits alle meine Zloti ausgegeben und keine Zeit mehr Geld zu holen. Gerade so noch konnten E & B mich dazu bringen einen Teller vorzüglichen Nudelauflauf mit Spinat zu verzehren (Danke, danke, danke! Das war die letzte richtige Mahlzeit für die nächsten 72 Stunden), drückten mir noch schnell 5 Zloti für den Bus in die Hand und dann sprang ich los. Mein Bus würde um 19 Uhr am Busbahnhof auf Steig 11 abfahren. Keine Ahnung, wo das war. Der Bus zum Bahnhof brauchte länger als normal, irgendwie logisch – Rush Hour. Ich wurde langsam nervös. Mir ging so einiges durch den Kopf auf dieser Busfahrt. Vor allem war ich froh, alleine zu sein. Trotz aller Nervosität wusste ich, dass WENN ich zu spät komme, wenigstens nur MIR Probleme daraus entstehen würden. Ich hätte niemandem etwas mit meiner Ungeplantheit versaut oder ihn in Panik versetzt. Obwohl, so schlecht geplant war das alles gar nicht... Ich hatte schließlich für den 25 minütigen Weg zum Busbahnhof ganze 40 Minuten einberechnet. Dass der Stadtbus 5 Minuten zu spät war und so viel länger brauchen würde als normal: Naja, meine Güte!

Am Busbahnhof folgte ich einfach einer Gruppe von aufgeregt sprechenden Jugendlichen, die es auch eilig zu haben schienen und gingen immer genau in die Richtung, in die ich tendenziell gegangen wäre. Und es war wunderbar, sie gingen zum selben Bus wie ich. Die slawischen Sprachen konnte ich nur mit großer Schwierigkeit auseinanderhalten. Ich dachte, es seien Polen, aber es waren Ukrainer und Russen. Ein wilder Mix. Beim Bus angekommen, stellte sich heraus, dass dieser Bus am richtigen Steig abfuhr, aber nicht nach Klaipeda, sondern nach Kaunas und dann Vilnius fuhr. Er könnte mich ins richtige Land bringen, aber zum richtigen Ort müsste ich mitten in der Nacht umsteigen und 1-2 Stunden in einer fremden Stadt am Busbahnhof warten. Toll. Genau das, was ich vermeiden wollte. Die Busfahrer schauten sich meine Ticket an, schüttelten den Kopf und verfluchten mich auf Polnisch. Sie wollten los und sagten, steig einfach ein. Ich war etwas ratlos.Sollte ich in einen Nachtbus steigen, der mich um 5 Uhr irgendwo absetzt und überhaupt nicht dahin fährt, wo doch in meinem Ticket tatsächlich steht, dass es einen direkten Bus geben soll? Die Ukrainer und Russen scharten sich um mich, um für mich zu übersetzen. Der polnische Busfahrer, ein Ukrainer der Polnisch und eine Russin die Englisch konnte, schafften es in reinstem babylonischen Sprachgewirr zu kommunizieren, wo das Problem lag. Ich hatte mich bereits entschieden. So what! Rein ins Abenteuer. Der Ukrainer hatte einen Schutzinstinkt für mich entwickelt und fand es nicht mit seiner Ehre vereinbar, eine junge Frau in einen Nachtbus ins Nirgendwo zu schicken. Er riet mir stark davon ab, erzählte mir, dass der Busfahrer auf jeden Fall verrückt sei und war sprachlos, als ich trotzdem einstieg. Ich hatte entschieden, dass am Ende jedes Nirgendwo ein Irgendwo ist. Außerdem war in letzter Sekunde eine junge und sehr hübsche Frau dazugekommen, die Polnisch verstand und Englisch sprach. Ich habe sie nie gefragt, aber ich glaube, sie war Lettin und im Zweifel konnte sie mir übersetzen, was die Busfahrer mir sagen wollten.

 

(die Geschichte geht weiter.)

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