KULTURELLE UNWÄGBARKEITEN #3

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Abendsonne im staubigen Samara, Russland

Als ich mich das erste Mal an den Tisch setzte, saß ich vor einem Teller nackter Nudeln und einem Stück vom ganzen Huhn, dass I. fünf Stunden lang im Ofen gebraten hatte. Der Teller war so groß wie ein Frühstücksteller in Deutschland, aber zum Bersten voll. Dazu gab es einen kleinen Beistellteller von der Größe einer Untertasse mit Tomaten- und Gurkenschnitzen, auch die gab es ohne Sauce. Auf dem Tisch lagen Ketchup und Mayonnaise.

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KULTURELLE UNWÄGBARKEITEN #2

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Abendsonne auf der Wolga, Samara, Russland

In Russland werde ich als Frau ohne Umschweife nach meinen Lebensumständen gefragt. Oft in der ersten Stunde einer Begegnung und meistens von anderen oft älteren Frauen. „Was ist dein Beruf?“, „Bist du verheiratet?“, „Möchtest du irgendwann einmal heiraten?“, „Möchtest du Kinder haben, du kannst toll mit ihnen umgehen, du solltest sehr bald, nein sofort, Kinder bekommen!“, „Hast du einen Freund?“ und „Warum bist du in Russland?“

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KULTURELLE UNWÄGBARKEITEN #1

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Streetart in der Provinz, Sizran, Russland

Ich habe ein wenig den Überblick darüber verloren, was ich bereits gesagt habe und was nicht. Aber eines ist mir klar, über Traditionen kann ich hier in Russland nicht schreiben. Mein Erleben der Kultur ist ein ganz anderes als in anderen (Europäischen) Ländern. Mein gesamtes Vorwissen ist von Vorurteilen überschattet und im Prinzip habe ich die letzten vier Monate damit verbracht, sie aus dem Weg zu räumen. Ich habe keinerlei Expertise, die mir einen Nordpfeil geben würde, die ein Schreiben über Russische Traditionen für jemanden der auch nur ein wenig über das Land weiß, genießbar macht. Ich komme über mein eigenes Erleben der Kultur nicht hinaus, deshalb werde ich im Folgenden über kulturelle Unwägbarkeiten schreiben. Eine, meiner Meinung nach, viel treffendere Bezeichnung meiner Umstände.

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SOMMER IN SAMARA

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Pinkes Tor in der Mittagshitze, Samara, Russland

Der Sommerregen in Samara ist schwer und laut. Wenn es Nachts regnet hört es sich an als würde eine Herde von Wildpferden vor meinem Fenster entlang rennen. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass die Regentropfen hier besonders groß sind oder besonders laut auf das Vordach aufschlagen. Das Plätschern des fließenden Wassers in den Regenrinnen hört sich an, als würde ein mittelgroßer Bach vor meinem Fenster in die Wolga hinab strömen. Die Akustik verwirrt mich, ist aber auch bezaubernd unrealistisch, denn am nächsten Morgen zeugt nichts mehr von den imaginären abendlichen Wassermassen. Dann zwitschern die Vögel vor meinem Fenster und die überdimensionierten Fallrohre der Regenrinne lassen erahnen wo der rauschende Bach in die Tiefe fiel. An manchen Morgen ist es mucksmäuschenstill im Haus, nur den Strom kann man durch die Wände brausen hören und der kleine Gästekühlschrank brummt dezent in der Ecke. Anders als im Winter knackt die Heizung jetzt nicht mehr. In der Ferne des Hauses (oder vielleicht auch des Nachbarhauses) höre ich die ersten Zeichen von Leben, jemand rückt Stühle.

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DIANAS ABSCHIED

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Almwiese in voller Blüte, Appenzell, Schweiz

Dianas Asche stäubt in grauen Wolken über das Appenzellerland. Wie als hätten wir das so bestellt ist das Bergland in graue Wolken gehüllt. Die bei Sonnenschein so beeindruckende Weite der tiefgrünen rollenden Hügel wird durch die graue Wolkenwand verkürzt und wirkt dadurch geschützter als sie bei Sonnenschein je erschienen wäre, fast intim. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch und an den noch ungemähten und in voller Blüte stehenden Wiesen hängen zahlreiche Wassertropfen. Da wo unsere Schuhe durch das Gras streifen perlt das Wasser an dünnen Grashalmen hinab oder legt sich wie eine klammernde Umarmung über das frisch polierte Leder unserer Schuhe. Wir stehen alleine auf weiter Flur. Das trübe Wetter bewahrt uns vor der sonst unvermeidbaren Touristenmeute des Wochenendes. Einer nach dem Anderen greifen wir in den kleinen Leinensack und heben die Asche gefüllte Hand in den Himmel. Das hier ist merkwürdig direkt und unzeremoniell, denn da vorne am Abgrund steh ich ganz alleine mit meinem Abschied in der Landschaft und schaue meiner Oma dabei zu, wie sie über die Wiesen tanzt...

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