SOMMER IN SAMARA

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Pinkes Tor in der Mittagshitze, Samara, Russland

Der Sommerregen in Samara ist schwer und laut. Wenn es Nachts regnet hört es sich an als würde eine Herde von Wildpferden vor meinem Fenster entlang rennen. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass die Regentropfen hier besonders groß sind oder besonders laut auf das Vordach aufschlagen. Das Plätschern des fließenden Wassers in den Regenrinnen hört sich an, als würde ein mittelgroßer Bach vor meinem Fenster in die Wolga hinab strömen. Die Akustik verwirrt mich, ist aber auch bezaubernd unrealistisch, denn am nächsten Morgen zeugt nichts mehr von den imaginären abendlichen Wassermassen. Dann zwitschern die Vögel vor meinem Fenster und die überdimensionierten Fallrohre der Regenrinne lassen erahnen wo der rauschende Bach in die Tiefe fiel. An manchen Morgen ist es mucksmäuschenstill im Haus, nur den Strom kann man durch die Wände brausen hören und der kleine Gästekühlschrank brummt dezent in der Ecke. Anders als im Winter knackt die Heizung jetzt nicht mehr. In der Ferne des Hauses (oder vielleicht auch des Nachbarhauses) höre ich die ersten Zeichen von Leben, jemand rückt Stühle.

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DIANAS ABSCHIED

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Almwiese in voller Blüte, Appenzell, Schweiz

Dianas Asche stäubt in grauen Wolken über das Appenzellerland. Wie als hätten wir das so bestellt ist das Bergland in graue Wolken gehüllt. Die bei Sonnenschein so beeindruckende Weite der tiefgrünen rollenden Hügel wird durch die graue Wolkenwand verkürzt und wirkt dadurch geschützter als sie bei Sonnenschein je erschienen wäre, fast intim. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch und an den noch ungemähten und in voller Blüte stehenden Wiesen hängen zahlreiche Wassertropfen. Da wo unsere Schuhe durch das Gras streifen perlt das Wasser an dünnen Grashalmen hinab oder legt sich wie eine klammernde Umarmung über das frisch polierte Leder unserer Schuhe. Wir stehen alleine auf weiter Flur. Das trübe Wetter bewahrt uns vor der sonst unvermeidbaren Touristenmeute des Wochenendes. Einer nach dem Anderen greifen wir in den kleinen Leinensack und heben die Asche gefüllte Hand in den Himmel. Das hier ist merkwürdig direkt und unzeremoniell, denn da vorne am Abgrund steh ich ganz alleine mit meinem Abschied in der Landschaft und schaue meiner Oma dabei zu, wie sie über die Wiesen tanzt...

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AUS DEUTSCHLAND

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Vor dem Seealpsee in der Schweiz

Vor einem Monat habe ich eine ganze Reihe von Texten verfasst über das, was als nächstes hier passieren sollte. Sie haben Titel wie „Und jetzt?“, „Und dann“ und „Ankommen“. Zum Veröffentlichen komme ich nicht.

 

Ich bin auf dem Weg nach Deutschland und mein Herz, mein Kopf und meine Reisewut stehen Kopf. Meine Lippen pellen sich, wie auch schon bei der Einreise nach Russland bekomme ich einen Herpes so groß wie eine Erdbeere. Das passiert bei mir immer bei einer ganz spezifischen Art von emotionalem Stress. Oft weiß ich erst beim aufblühen dieser kleinen Pest, dass ich ein Problem habe. So auch dieses mal. Die Nächte sind kurz und der Schlaf will einfach keine Erleichterung bringen. Bei meiner Ankunft in Deutschland habe ich ein verkrustetes Hitlerbärtchen.

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DER STAND DER DINGE

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Zitronen im Botanischen Garten von St. Petersburger, Russland

Manchmal gibt das Leben mir Zitronen und ich mache keine Limonade aus ihnen. Das war letzte Woche. Diese Woche ließ ich die Zitronen Zitronen sein und suchte nach Erdbeeren. Während ich mit meinen Zitronen kämpfte (eine leichte Magendarmsache, Grübeleien, gefolgt von einer leichten Erkältung, die sich in einen miesen Virus verwandelte und mich für eine Woche danieder schlug), wachsen die (hypothetischen) Erdbeeren unbemerkt in allen Ecken. Jetzt habe ich sie geerntet und eine vorzügliche Erdbeercreme gemacht.

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EIS, EIS, BABY!

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Die Wolga mit den Jiguli-Bergen, Samara, Russland

Das langsame Erwachen der Natur fasziniert mich sehr. So habe ich den Frühling noch nie erlebt. Seit drei, vielleicht sogar vier Wochen friert es tagsüber schon nicht mehr. Trotzdem liegt immer noch Schnee im Straßengraben und auf dem Strand an der Wolga. Jetzt wird dort unten am Fluss der Sand sichtbar und die letzten meterdicken Eisschollen am Ufer liegen verloren herum. An schönen Nachmittagen kann ich erahnen, was für einen schönen Sommer es hier geben wird. Die Eisplatten sind an einigen Stellen des Ufers noch so groß, dass sie sich nicht bewegen lassen. Die kleinen Wellen des noch nicht befahrenen Flusses klatschen leise gegen das Eis, sie höhlen die Eiskanten aus und bilden überraschend stabile, über das Wasser hinausreichende Eisdächer.

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