KATHMANDU, NAGARKOT UND DER ANFANG VOM ENDE

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Tempeldach, Thamel, Kathmandu, Nepal

Wieder einmal steige ich in den Bus zurück nach Kathmandu und falle gründlich durchgeschüttelt nach 8 Stunden und 18.837 Schlaglöchern in Thamel wieder heraus. Zurück reise ich zusammen mit einer neuen Bekanntschaft aus Delhi, wir haben unterschiedliche Hostels gebucht, da die Saison nunmehr begonnen hat und die Touristenunterkünfte überlaufen sind. Wir telefonieren uns zusammen und treffen uns zu Lunch und Dinner. Ich lerne viel von ihr. Viel über brahmanische Frauen und die Erwartungen an sie in der Oberschicht Delhis. Oft verursachen ihre Beschreibungen Kopfschütteln bei mir. Einmal pro Woche muss sie zum Friseur, zur Maniküre, zur Pediküre. Es geht mehr um die Arbeit, die sie in ihre Schönheit investieren, als darum natürliche Attribute hervorzuheben. Eine wunderschöne Frau kann hier als nicht schön gelten, weil sie nicht häufig genug zum Salon geht. Wie im Iran fällt der kleinste Hauch von Körperbehaarung negativ auf. Aber auch naturbelassene Nägel (wie ich sie Zeit meines Lebens trage) werden dahingehend interpretiert, dass man kein Geld hat oder einfach eine Frau ohne Stil ist. Als ich versuche zu formulieren, wie unser Schönheitsideal aussieht, wird mir klar, wir sind nicht logischer. Das Konzept von natürlicher Schönheit ist so unfair wie sinnfrei. Wer bewertet schon, ob jemand natürlich schön ist oder nicht? Und wenn man sich lange genug mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt, ist die Schönheit so ganz natürlich auch nicht. Ein Fass ohne Boden.

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POKHARA AD FINITUM

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Der Himmel über Pokhara, Nepal

Ich entscheide mich dafür, einen weiteren Treck zu machen, den Anapurna Circuit. Ich besorge mir die Permits, kaufe Eispicken, Wanderstöcke und Proviant. Als der Tag kommt an dem ich loslaufen soll, bleibe ich im Hostel. Dieser Treck würde mich reizen, jedoch ahne ich nicht, was mich eigentlich zurückhält. Ich treffe eine junge Amerikanerin beim Frühstück und erzähle ihr von meinem Zögern zurück auf den Treck zu gehen. Sie ist bis zum Anapurna Base Camp gelaufen und versteht sofort. Sie erzählt mir von den Nahtoderfahrungen an Berghängen und von den zwei Touristen, die auf dem Weg nach oben gestorben waren. Der eine, weil er seine Symptome ignoriert hat, der andere, weil der Helikopter wegen schlechten Wetters nicht rechtzeitig einfliegen konnte.

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HOLI

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Kathmandu während des Holi Festivals, Kathmandu, Nepal

Kaum aus dem Kloster entlassen, steht mir Holi bevor. Holi wird in Deutschland als das indische Farbenfest bezeichnet, ist jedoch viel mehr als nur eine Zelebration der Farbpulver die an diesem Tag durch die Luft geworfen werden. Es wird der Frühling begrüßt und jede Farbe bringt einen Segen. Hier ist es der erste wirklich warme Tag. Wir bekommen vom Fest nur das mit, was auf der Straße stattfindet: eine ausgelassene Farben und Wasserschlacht. Es ist eines der ältesten hinduistischen Feiertage und in vielen Aspekten unserem Karneval nicht unähnlich. Zum ersten Mal erleben wir die Nepalesen ohne die gesellschaftlichen Restriktionen des Kastenwesens und voller Übermut, mit einer gesunden Dosis Alkohol im Blut. Die sonst so friedliebend erscheinenden Einheimischen, zeigen nun ihr verspieltes und übermütiges Wesen und jagen uns durch die Straßen. Kleine Kinder werfen Wasserbomben aus der Sicherheit der Balkone und testen die Limits der Erwachsenen. Es ist kein Wunder, dass sich dieses Fest weiter Beliebtheit erfreut. Nur bei den Frauen höre ich ausschließlich Missmut. Frauen meines Alters nehmen meisten nicht teil. Junge Mädchen, die zum ersten Mal den Geschmack von Freiheit schmecken, ergeben sich dem Rausch, bleiben jedoch immer in Gruppen. Ich fühle mich maximal unwohl in dem Gedränge, kann den Stress und das Gefühl gejagt zu werden nicht von mir schütteln. Ich merke wieder einmal, dass ich übermütige Männer nicht tolerieren kann. Auch hier wird die Ausgelassenheit dazu genutzt Ärsche und Brüste zu betatschen und ungewollte Küsse zu rauben. Es ist überall dasselbe.

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TIBETISCHES NEUJAHR: LOSAR

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Mönche während des Gesangsunterrichts, Kopan Monaestery, Nepal

Über die Wände und den Boden spüre ich die Vibration des Gongs mehr als das ich den Ton höre. Mit dem Gong klingen Glocken, traditionelle Oboen und der nie abreißende tibetische Kehlkopfgesang, der wie eine knatternde Motorsäge über die Lautsprecher hallt. Ich sitze ganz hinten in der Stupa, in der Hierarchie hinter den Lamas, den Nonnen und Mönchen. Die Nonnen und Mönche sind zwischen fünf und hundert Jahre alt. Sie sitzen in Reihen, getrennt nach Geschlechtern, zwar nicht streng, aber doch sortiert nach Alter. Am Ende, in meiner Nähe, sitzen die jüngsten Nonnen in Grüppchen, getrennt durch ältere Nonnen, die sie regelmäßig zur Ordnung rufen, ihnen Süßigkeiten zustecken oder ihre Tücher arrangieren. Die jungen Mönche und Nonnen kommen häufig sehr früh in die Klosterschule. Mir erscheinen sie furchtbar jung und zerbrechlich. Ich kann mir kaum vorstellen, wie grausam es gewesen sein muss die eigene Familie so früh zu verlassen, dabei sehen sie alle fröhlich aus, wie sie da in Reih und Glied mit ihren älteren Schwestern und Brüdern sitzen.

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SPIRITUELLE UMWEGE

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Teachings in action, Kopan Monastery, Nepal

Zurück in Pokhara steige ich nach fünf Tagen zum ersten Mal wieder unter die Dusche. Ich lasse das Wasser über meine Schultern perlen, genieße die Wärme die meinen Muskeln lang ersehnte Erleichterung bringt und den Geruch von Shampoo. Meine Beine schmerzen nach dem Tagesmarsch bergab. Jede Treppenstufe erweckt eine ziehende Erinnerung daran, was ich gerade bewältigt habe. Nach der Dusche strecke ich mich auf meinem Bett aus und falle prompt in einen tiefen Schlaf. Geweckt werde ich am Abend von S. Sie hat während ich mich den Mardi Himal hinauf getrieben habe, den Poonhill Trek bewältigt und gemeinsam werden wir nach Kathmandu reisen. Sie ist auf einer spirituellen Reise, war in Indien im Ashram und will hier in Nepal ins Kloster gehen. Ich bin neugierig und schließe mich an.

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