ERKENNTNISSE EINES HOMESTAYS

English text
Lehmhütte, Wellblechdach und verspiegelte Fenster, Sisters Homestay, Nagarkot, Nepal

Wilde Geschichten gibt es aus Nepal zuhauf. Manchmal gewinne ich den Eindruck, es wäre ein regelfreier Raum, dieses Land im Chaos. Und doch gibt es Regeln. Das Chaos ist nicht ganz so grenzenlos wie man das beim ersten Blick glaubt. Aber damit eine Brahmanin (oberste Schicht des Kastensystems) ihre Pforten für Ausländer öffnet, ihr Essen und ihr Haus teilt, muss einiges geschehen. Sie muss ihre Religiosität ablegen/neu interpretieren, sich von ihrer Familie distanzieren und Herrin ihres eigenen Schicksals sein. P. ist diesen Weg gegangen. Lebt getrennt von ihrem Exmann, unterstützt ihre Kinder, die beide studieren (ihre Tochter ist mit einem Stipendium in Amerika) und beherbergt Ausländer. Sie ist damit die Verbindung ihres Dorfes zur westlichen Welt. Sie betreibt kulturellen Austausch, erklärt, vermittelt, lacht und kommuniziert. Sie hat S. (stammt aus einem Bergdorf und ist demnach nicht Teil des Kastensystems) die Möglichkeit gegeben, aus einem unerträglichen Arbeitsverhältnis zu entkommen. P. hat S. eine neue Lebensrealität gegeben, die ihr erlaubt, ihre alte Mutter und ihren herzkranken Bruder zu unterstützen. P. betreibt Entwicklungshilfe in kleinem Stil. Ganz lokal und genau da, wo es sinnvoll ist. Sie lebt, was ich zu Hause schon so oft gehört habe: think globally, act locally.

Read More 0 Comments

DER LANGE WEG NACH NAGARKOT

English text
Zwischen Bakthapur und Nagarkot, Nepal

Ab und an packt es mich. Dann setze ich mir irgendetwas in den Kopf. Und so muss es dann gemacht werden. Das war bereits in Polen so, in Georgien und jetzt hier in Nepal. Ich will laufen von Bakthapur nach Nagarkot. Es sollen 15 Kilometer sein. Das ist zu schaffen, beschließe ich. Ich setzte meinen Rucksack auf und mache meinen ersten Schritt. Zunächst laufe ich hinaus aus der Stadt, rein in ein Industriegebiet und dann auf den Berg hinauf. Die Berge habe ich nicht einkalkuliert. Ich muss alle zehn Meter Pause machen. Den Berg hinauf ist es unmöglich, meine normale Geschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Auch ok. Ich habe für diesen Trek 6 Stunden eingeplant, was natürlich viel zu wenig ist. Ich werde von freundlichen Ladies zu einem frittierten Kringel auf eine Pause eingeladen und schleiche mich dann in Begleitung von zwei jungen Mädels an der Stupa vorbei den Berg hinauf. Der Anstieg hört und hört nicht auf. Ich sehe niemanden anderen diese Route laufen. Die Einheimischen wirken verwundert, eine Touristin auf ihrer Straße zu sehen. Mein Kopf ist rot wie eine Erdbeere, ich schnaufe wie eine Lokomotive und das Wasser rinnt mir in Wasserfällen den Rücken hinab. Ein Anblick für Götter. Aber das ist das Schöne am Trecken. Alle Eitelkeiten fallen von mir ab. Ich bin ganz im hier und jetzt, damit beschäftigt einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Read More 0 Comments

BAKTHAPUR: VOM ERDBEBEN GEZEICHNET

English text
Ziegel wohin das Auge reicht, Bakthapur, Nepal

Als ich in Bakhtapur ankomme ist es später Abend. Die Sonne ist bereits untergegangen und die Straßenlichter beleuchten die alten Pflastersteine. Um in die Altstadt zu kommen, muss man hier einen saftigen Eintritt zahlen. Umgerechnet 15USD. Das ist eine Menge Geld für Nepal. Grummelnd greife ich in die Tasche. Als das Gasthaus meiner Wahl voll ist, steige ich um in ein Hotel. Es ist zu teuer für mich und nicht wirklich gut, aber was soll ich machen. Ich bin froh von der Straße weg zu kommen. Zwar fühle ich mich in dieser Stadt überraschend geborgen, aber so ganz traue ich dem Gefühl von Sicherheit nicht. Kaum angekommen in meinen vier Wänden, führe ich ein langes und seltenes Skypegespräch mit meinem großen Bruder. Es ist kalt, ich kuschele mich ins Bett, während ich die vertrauten Themen, die uns verbinden mit neuen Augen begutachte. Mein Bruder ist -wie sehr häufig- ganz anderer Meinung als ich und wie immer scheitere ich darin, meine Sicht der Dinge adäquat zu verbalisieren. Aber auch das ist ein Stück Puzzle, welches ich immer wieder aufnehme. Ich hoffe irgendwann richtig gut darin zu sein. Ich habe gemerkt, wie die Fähigkeit mich mitzuteilen durch das Reisen wächst.

Read More 0 Comments

DER DSCHUNGEL VON CHITWAN

English text
Der Morgennebel beim Fluss Rapti, Sauraha, Chitwan National Park, Nepal

Wir laufen in Umwegen zum Fluss, wo uns bereits eine kleine Gruppe von Menschen erwartet. Die schmalen aus uralten Holzstämmen geschnitzten Flussboote fächern sich im seichten Strom des Wassers auf und weisen stolz in die weiße Nebelwand. Der Fluss erscheint unendlich weit. Wir sehen das andere Ufer nicht und alle Geräusche werden verschluckt. In einer Gruppe von fünf Touristen und vier Fremdenführern schlängeln wir uns ins Boot und lassen uns vorsichtig nieder. Einer nach dem Anderen, damit auch ja niemand ins Krokodil bevölkerte Wasser fällt. Eine halbe Stunde bleiben wir mit angezogenen Beinen im Boot sitzen. Die feuchte Kühle kriecht in unsere Kleidung und meine Gelenke fangen an zu zwicken. Die Bäume am Ufer und das türkisgrüne Wasser, beides fast verschluckt vom Nebel, sind unsere allgegenwärtigen Begleiter. Unsere Führer zeigen uns die Vogelarten die sie kennen, mir sind sie alle neu. Wir haben Glück und sehen ein kleines Krokodil am Ufer schlafen. Sein Körper liegt halb im Wasser und der Rest ist von dem dünnen Gras gut getarnt. Sollte es hungrig werden wird es ein Leichtes sein, einen Vogel beim Fischen zu erwischen.

Read More 0 Comments

SAURAHA - ERSTE SCHRITTE

English text
Sauraha, von der anderen Seite des Ufers, Sauraha, Nepal

Meine Unterkunft ist eine Reihe von Bambushütten, die auf Stelzen bis weit in die Bananenbäume hinauf reichen. Ich krabble in die Kleinste mit dem Namen „Stillness“. Sie steht auf Stelzen die sie auf einen Meter über den Boden erheben. Es ist ein idyllisches kleines Paradies, die Hütte gerade groß genug für ein Bett und einen schmalen Gang für meinen Rucksack. Die Geräusche des Dschungels sind hier lauter als die des Dorfes und trotzdem sind wir umringt von Häusern. Die Bauwut der Nepalesen fällt mir hier zum ersten Mal auf. Neben uns erhebt sich ein riesiges Betonmonster aus dem Boden. Direkt dahinter liegt der Rapti, der im Nebel versinkende Fluss. Er ist das Zuhause von Krokodilen, Nashörnern und zahllosen Vögeln. Hier sehe ich zum ersten mal einen Eisvogel der in der Luft fliegt, ohne sich vorwärts zu bewegen. Meine Kamera ist in diesem Moment zu langsam für die Realität.

Read More 0 Comments
Mehr Texte im Archiv