STEINWALD

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Steinwald bei Kunming, China

Der Steinwald reißt ein großes Loch in mein Budget. Ich habe ihn ziemlich sofort als „Schade, aber habe ich wohl verpasst“ verbucht. Aber durch N. wird ein Ausflug aus der Stadt dann doch möglich. Es ist einer der Ausflüge, die ich bitter bereue. Ich habe mich frühzeitig meinem Bauchgefühl folgend gegen Touristentouren entschieden und wurde später dann doch von den wunderschönen Fotos überzeugt. China ist eine Hochburg des kontrollierten Tourismus. Alles ist organisiert, überall muss man irgendwelche ungewünschten Gebühren zahlen, das Ticket an Orten kaufen, die Kilometer entfernt sind und am Ende bekommt man ein Disneylanderlebnis.

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DIE BIS JETZT LÄNGSTE ZUGFAHRT

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Das zentrum Lhasa's und der Beginn meiner Reise, Tibet, China

Vom Zentrum Lhasas kämpfe ich mich zum Bahnhof. Wegen einer Fehlübersetzung der Rezeptionsfrau, die mir sagte dass das Taxi 15 Yuan kostet, anstelle der überteuerten 50 Yuan, die er tatsächlich verlangt hat, sitze ich geschlagene 20 Minuten auf der Rückbank. Letztendlich gebe ich ihm die 30 Yuan, die auf seinem Meter stehen. Er ist beleidigt und ich bin angefressen. Durch meinen kleinen Standoff habe ich noch dreißig Minuten, um meinen Zug zu erwischen. Das Gelände ist riesig. Um zum Eingang zu gelangen muss ich in Schlangenlinien über den Vorplatz laufen, durch zwei Sicherheitskontrollen und in ein Nebengebäude, um mein Ticket zu bekommen. Ich stehe geschlagene 20 Minuten in der Schlange. Als ich endlich an der Reihe bin, lädt mein Handy die Datei nicht auf der meine Ticketnummer steht, weil es zum Speicherplatz sparen in die Cloud gesendet wurde, sodass nur ein verpixeltes schwarz-weiß Bild zu sehen ist. Ich komme ins Schwitzen, stelle mich dumm und lege meinen Ausweis vor. Zum Glück reicht das. Sie gibt mir zwei Tickets und ich schleppe mich wieder heraus aus dem Gebäude, um bis zum Hauptgebäude zu laufen, in dem ich den Bahnhof vermute. Bingo. Hier finde ich Tafeln und uniformierte Beamte, die nun zum vierten Mal meinen Pass und dieses Mal auch meine Tickets kontrollieren. Da ich die chinesischen Schriftzeichen nicht entziffern kann, laufe ich der Herde hinterher. Denn obwohl der Bahnhof in Lhasa eine riesige Anlage ist, fährt nur ein Zug ab. Alle gehen in die selbe Richtung und ich folge.

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DREI TAGE AUF DEM DACH DER WELT

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Pause beim Totenkopf, Bergsee und Wüste, Tibet, China

Das Dach der Welt ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Die Berge hier in Tibet sehen am Anfang aus wie aus der Autowerbung. Wie die Schweizer Alpen minus der Tannenbäume und der Alpenhütten. Die Straßen sind neu und schmiegen sich wie Schlangen in die Berge. Es ist traumhaft schön. Jedoch verlässt man die weiten Blicke in die Tiefe der Täler und erklimmt schließlich die Ebene auf der kein Baum wächst, auf der das einzige Grün einem Hauch von Moos entspringt und wo türkisblaue Seen die endlose Weite des Himmels reflektieren. Die Landschaft hier oben ist einzigartig, wenn man jedoch trotzdem nach Vergleichen sucht, schießen mir Armenien oder der Südiran im Hochsommer in den Kopf. Allerdings sind Armenien und der Südiran vorwiegend gelb. Tibet ist braun. Es ist eine Steinwüste, in der kein Baum und kein Busch den Menschen vor der grellen und gleißenden Sonne schützt.

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DAS TOR ZU CHINA

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Das Tor zu China, Grenzposten Tibet/Nepal, China

Ein einfaches schwarzes Tor auf nepalesischer Seite wandelt sich auf chinesischer Seite in eine Betonburg. Etwas schüchtern laufe ich an den Wachsoldaten vorbei, in der Hoffnung, dass sie mich ignorieren. Und das tun sie. Der Betonbau hat zwei Flügel. Über dem einen steht ARRIVAL, auf dem anderen DEPARTURE. Ich gehe in den ARRIVAL-Terminal und werde prompt von den chinesischen Dienstoffizieren zurückgepfiffen. Keinen Schritt weiter, junge Dame! Ich werde auf eine grüne Plastikbank gesetzt und warte. Ich schreibe eine E-Mail an das Reiseunternehmen, weil meine nepalesische Sim gerade so noch funktioniert. Geplant war, dass ich am Morgen von der Grenze abgeholt werden sollte. Da Tibet Nepal zwei Stunden voraus ist, bin ich extra früh aufgebrochen. Am Ende komme ich um 9 Uhr an der Grenze an und trotzdem ist noch niemand da. Ich warte insgesamt fünf Stunden, weil ein Rechtschreibfehler in meiner Reisegenehmigung vorliegt und die Chinesen nur perfekte Papierunterlagen akzeptieren. Mein Reiseunternehmen scheint alle Hände voll zu tun zu haben, da sie mich vier Stunden lang vergessen. Alle sind freundlich zu mir, doch zu den anderen Reisenden und den tibetischen Fremdenführern sind die Offiziere es ganz und gar nicht. Hier merke ich endlich mal wieder, dass es Vorteile haben kann, eine Frau zu sein, die alleine reist. Die Chinesen scheinen Kavaliere zu sein.

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TSCHÜSS NAGARKOT, TSCHÜSS NEPAL!

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Die Straße zur Grenze, Nepal

Um bis nach Kathmandu zu kommen trampe ich schließlich eine Runde mit einem nepalesischen Pärchen und teile mir für den letzten Abschnitt bis nach Kathmandu ein Taxi mit einer älteren, inzwischen nach Amerika ausgewanderten Dame. Solche kleinen Begegnungen schenken mir viel Freude, allerdings vergesse ich sie am schnellsten, weil sie sich aufaddieren und dann in meiner Erinnerung in Einem verschmelzen.

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TIBETISCHES NEUJAHR: LOSAR

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Mönche während des Gesangsunterrichts, Kopan Monaestery, Nepal

Über die Wände und den Boden spüre ich die Vibration des Gongs mehr als das ich den Ton höre. Mit dem Gong klingen Glocken, traditionelle Oboen und der nie abreißende tibetische Kehlkopfgesang, der wie eine knatternde Motorsäge über die Lautsprecher hallt. Ich sitze ganz hinten in der Stupa, in der Hierarchie hinter den Lamas, den Nonnen und Mönchen. Die Nonnen und Mönche sind zwischen fünf und hundert Jahre alt. Sie sitzen in Reihen, getrennt nach Geschlechtern, zwar nicht streng, aber doch sortiert nach Alter. Am Ende, in meiner Nähe, sitzen die jüngsten Nonnen in Grüppchen, getrennt durch ältere Nonnen, die sie regelmäßig zur Ordnung rufen, ihnen Süßigkeiten zustecken oder ihre Tücher arrangieren. Die jungen Mönche und Nonnen kommen häufig sehr früh in die Klosterschule. Mir erscheinen sie furchtbar jung und zerbrechlich. Ich kann mir kaum vorstellen, wie grausam es gewesen sein muss die eigene Familie so früh zu verlassen, dabei sehen sie alle fröhlich aus, wie sie da in Reih und Glied mit ihren älteren Schwestern und Brüdern sitzen.

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SPIRITUELLE UMWEGE

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Teachings in action, Kopan Monastery, Nepal

Zurück in Pokhara steige ich nach fünf Tagen zum ersten Mal wieder unter die Dusche. Ich lasse das Wasser über meine Schultern perlen, genieße die Wärme die meinen Muskeln lang ersehnte Erleichterung bringt und den Geruch von Shampoo. Meine Beine schmerzen nach dem Tagesmarsch bergab. Jede Treppenstufe erweckt eine ziehende Erinnerung daran, was ich gerade bewältigt habe. Nach der Dusche strecke ich mich auf meinem Bett aus und falle prompt in einen tiefen Schlaf. Geweckt werde ich am Abend von S. Sie hat während ich mich den Mardi Himal hinauf getrieben habe, den Poonhill Trek bewältigt und gemeinsam werden wir nach Kathmandu reisen. Sie ist auf einer spirituellen Reise, war in Indien im Ashram und will hier in Nepal ins Kloster gehen. Ich bin neugierig und schließe mich an.

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AUF 4.500 METERN

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Der Nachthimmel aus unmittelbarer Nähe, Mardi Himal Trek, Nepal

Als ich mich um 4.30 aus meinem Schlafsaal pelle höre ich keine Geräusche. Ich ziehe mich an, mache mich fertig und trete heraus aus der Hütte. Der Sternenhimmel ist klar, der Mond leuchtet hell, aber ich bin die Einzige die bereit steht. Die Anderen schlafen wohl noch. Ich habe ein bisschen Angst, dass ich, wenn ich mich nochmal hinlege, nicht den Berg hinauf kraxeln werde. Schließlich weiß ich ja jetzt, dass es verdammt anstrengend wird und so richtig fit fühle ich mich nicht. Mein Kopfschmerz ist wieder ein wenig zurück gekehrt, aber ich denke lieber nicht darüber nach. Dieses mal mache ich mich ohne Gepäck auf den Weg, das lasse ich in der Hütte. Ohne Frühstück und mit einer Flasche Wasser im Gepäck suche ich mir meinen Weg mit der Kopflampe. Es ist schwierig, den Anfang zu finden, da der Weg erst wenn es steil wird eindeutig markiert ist. Hier unten auf den Wiesen gibt es nur ein paar ausgetretene Wege, die entweder zum Pfad, oder ins Nichts führen. Bald stehe ich jedoch vor der ersten Markierung und taste mich weiter voran.

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EIN FUSS VOR DEN ANDEREN

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Der einsame Wanderer, Mardi Himal Trek, Nepal

Ich habe schon so viele alte Texte und Geschichten gelesen, jedoch weiß ich erst seitdem ich von Pokhara nach Phedi, unangeschnallt und auf der Rückbank, mit einem widerwilligen Taxifahrer gefahren bin, wie es sich anfühlt zwanzig Kilometer in einer Kutsche herumgeworfen zu werden. Es war beeindruckend. Als ich aussteige brauche ich länger als sonst, um mich zu orientieren, da ich auf einer, auf meiner Karte noch nicht vorhandenen Straße abgesetzt wurde. Da sie sich parallel zu der älteren, erdbebengeschädigten Straße befindet, ist es nicht weiter schlimm. Ich lasse mich von zwei einheimischen Ladies über das Wasser und den Hügel navigieren und finde auf dem nächsten Level nicht nur die Treppen, die mich in das gewünschte Dorf bringen, sondern auch ein paar kleine Verkaufsstände mit Wasser und Chips. Da ich gut versorgt bin, weise ich die Aufforderungen der Damen ab und setzte meinen Fuß auf die erste Treppenstufe. Mit mir ist eine zwanzigköpfige Reisegruppe angekommen samt Guide und mehreren Portern. Da es sicher ist, dass sie den selben Weg emporsteigen werden, ist es mein fester Wunsch, ihnen ein gutes Stück voraus zu sein. Ich stürze mich ohne zu zögern in das Unvermeidliche.

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DER LANGE WEG NACH NAGARKOT

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Zwischen Bakthapur und Nagarkot, Nepal

Ab und an packt es mich. Dann setze ich mir irgendetwas in den Kopf. Und so muss es dann gemacht werden. Das war bereits in Polen so, in Georgien und jetzt hier in Nepal. Ich will laufen von Bakthapur nach Nagarkot. Es sollen 15 Kilometer sein. Das ist zu schaffen, beschließe ich. Ich setzte meinen Rucksack auf und mache meinen ersten Schritt. Zunächst laufe ich hinaus aus der Stadt, rein in ein Industriegebiet und dann auf den Berg hinauf. Die Berge habe ich nicht einkalkuliert. Ich muss alle zehn Meter Pause machen. Den Berg hinauf ist es unmöglich, meine normale Geschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Auch ok. Ich habe für diesen Trek 6 Stunden eingeplant, was natürlich viel zu wenig ist. Ich werde von freundlichen Ladies zu einem frittierten Kringel auf eine Pause eingeladen und schleiche mich dann in Begleitung von zwei jungen Mädels an der Stupa vorbei den Berg hinauf. Der Anstieg hört und hört nicht auf. Ich sehe niemanden anderen diese Route laufen. Die Einheimischen wirken verwundert, eine Touristin auf ihrer Straße zu sehen. Mein Kopf ist rot wie eine Erdbeere, ich schnaufe wie eine Lokomotive und das Wasser rinnt mir in Wasserfällen den Rücken hinab. Ein Anblick für Götter. Aber das ist das Schöne am Trecken. Alle Eitelkeiten fallen von mir ab. Ich bin ganz im hier und jetzt, damit beschäftigt einen Fuß vor den anderen zu setzen.

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DER DSCHUNGEL VON CHITWAN

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Der Morgennebel beim Fluss Rapti, Sauraha, Chitwan National Park, Nepal

Wir laufen in Umwegen zum Fluss, wo uns bereits eine kleine Gruppe von Menschen erwartet. Die schmalen aus uralten Holzstämmen geschnitzten Flussboote fächern sich im seichten Strom des Wassers auf und weisen stolz in die weiße Nebelwand. Der Fluss erscheint unendlich weit. Wir sehen das andere Ufer nicht und alle Geräusche werden verschluckt. In einer Gruppe von fünf Touristen und vier Fremdenführern schlängeln wir uns ins Boot und lassen uns vorsichtig nieder. Einer nach dem Anderen, damit auch ja niemand ins Krokodil bevölkerte Wasser fällt. Eine halbe Stunde bleiben wir mit angezogenen Beinen im Boot sitzen. Die feuchte Kühle kriecht in unsere Kleidung und meine Gelenke fangen an zu zwicken. Die Bäume am Ufer und das türkisgrüne Wasser, beides fast verschluckt vom Nebel, sind unsere allgegenwärtigen Begleiter. Unsere Führer zeigen uns die Vogelarten die sie kennen, mir sind sie alle neu. Wir haben Glück und sehen ein kleines Krokodil am Ufer schlafen. Sein Körper liegt halb im Wasser und der Rest ist von dem dünnen Gras gut getarnt. Sollte es hungrig werden wird es ein Leichtes sein, einen Vogel beim Fischen zu erwischen.

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NEPAL, ICH KOMME!

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Buddhistisches Kloster, Nepal

Auf der anderen Seite des Grenztors drängen sich Haus an Haus im Nebel dicht aneinander. Die Straße ist schlechter als auf der indischen Seite. Aber die Menschen sind ruhiger. Niemand spricht mich an. Als ich nach Informationen frage gibt man mir eine direkte und unkomplizierte Antwort. Ich gehe zur Immigration, kriege mein Monatsvisum und kann meine Gebühr in indischen Rupien zahlen. So viele Berichte haben mich auf mögliche Korruption vorbereitet und doch begegnet mir keine. Als ich ein Busticket kaufe, zahle ich weniger als im Internet steht, mein Verkäufer bringt mich bis direkt an den Bus, erklärt höflich, wo ich aussteigen muss, versichert sich mehrmals ob ich nicht doch frühstücken will und kümmert sich darum, dass mein Rucksack nicht auf den Bus, sondern unter den Bus auf die Lagefläche kommt. Ich beobachte ihn die ganze Zeit misstrauisch. Ich kann nicht glauben, dass man mich nicht übers Ohr haut, mir mein Gepäck klaut. Und doch passiert nichts. Ich bin ganz deutlich nicht mehr in Indien, sondern in Nepal. Die Menschen sind freundlicher.

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WIEDER EINMAL WEITERZIEHEN

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Grenzübergang, Indien

Blauäugig und nichts Arges ahnend begebe ich mich in der Dunkelheit zum Busbahnhof. Meinem Rikschafahrer musste ich einige Male energisch auf die Schulterklopfen, damit er auch in die richtige Richtung fährt. Als ich ankomme bin ich so froh am richtigen Ort zu sein und den richtigen Bus gefunden zu haben, dass mir die schmalen Sitzflächen und die fehlenden Kopfstützen zunächst keine Sorgen bereiten. Ich bin eine der Ersten die sich in den Bus setzt, aber bald wird er richtig voll. Auf die Frage, ob sich ein junger Mann neben mich setzen kann, verneine ich stur. Das wird hier zu eng. Keine Ahnung was der sich denkt, wenn meine Hüften sich in seine bohren. Also muss eine junge Frau herhalten. Sie scheint sich nur unwillig von der Seite ihres Vaters entfernen zu lassen, aber mir ist das nur recht. Ich kann einer achtstündigen Nachfahrt nicht entgegen sehen, wenn ich mir Gedanken um meinen Sitznachbar machen muss. In dieser Situation wird mir deutlich, wie viel sich in mir verändert hat. Ich bin froh darum.

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VON SCHÖNEN MÄNNERN UND EXPLODIERENDEN AUTOS

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Plakat des Bollywoodfilms, Quelle: https://www.yashrajfilms.com/movies/tiger-zinda-hai

Bollywood. Als ich in Jaipur zusehe, wie ein Obdachloser auf der Straße ausgeraubt wird, starre ich auf zwei Glasscheiben gleichzeitig. Der Fernseher, in dem ein Bollywoodfilm läuft, spiegelt sich in der blankpolierten Scheibe des Gemeinschaftsraumes, hinter der die harsche Realität stattfindet. Ich empfinde den Kontrast als gewaltig. Noch nie ist mir so deutlich vor Augen geführt worden wie Realität und Fiktion zueinander stehen. Als ich meiner neben mir sitzenden amerikanischen Bekanntschaft meine Beobachtung mitteile, erwidert sie cool, das sei mit Hollywood genauso. Da ich selbst noch nicht in Amerika war, kein Konzept von der Realität dort habe und alles was ich über das Land weiß aus Geschichtsbüchern und dem bewegten Bild habe, überrascht mich diese Analogie. Schließlich ist Bollywood so offensichtlich unrealistisch. Hollywood dagegen versucht wenigstens ein gewisses Maß an Realität zu erhalten, (dachte ich.)

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MEIN INDISCHES WEIHNACHTEN

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Nachttisch Buddha, Delhi, Indien

Dies ist mein zweites Weihnachten auf meiner Reise und entgegen aller vorher gemachten Pläne, verbringe ich es in Delhi. Ich bin so beschäftigt mit mir selbst, dass kein Weihnachtsgefühl eintritt. Ich habe irgendwo in meinem Kopf die Idee Plätzchen zu backen um wenigstens ein bisschen weihnachtlich unterwegs zu sein. Als ich am 24.12. im lokalen Supermarkt um die Ecke stehe und weder Mehl, noch Mandeln oder Eier sehe - nicht weil es sie nicht gibt, einfach weil ich blind bin – gebe ich diesen Plan schnell auf. Ich habe weder die Zutaten, noch traue ich dem kleinen elektrischen Ofen in der Küche zu, meinen Anforderungen gerecht zu werden. Es erscheint mir zu riskant. Meine Lösung ist Starbucks. Ich kaufe ein Stück einer Schoko- und einer Möhrentorte - weil ich mich mal wieder nicht entscheiden kann, eine Packung Oreos und indische Schokokekse. Danach bitte ich A. darum, mir den Weg zum „liquor store“ zu zeigen, woraufhin er mich ins Auto packt, um die Ecke fährt und mich fürsorglich in die dunklen Gassen des verfallenen Einkaufshauses begleitet. Ich kaufe zwei Biere und einen von A. empfohlenen Rotwein („Miss J. always drinks it, it's good.“ Ich wünschte ich könnte den indischen Akzent imitieren. Leider ist meine Imitation eine Beleidigung. Ich werde trotzdem für immer entzückt schmunzeln wenn ich ihn höre.) Danach bitte ich A. mich schnell beim N-Block Market rauszulassen. Es ist die lokale etwas schickere Einkaufsmeile (wenn man das so nennen kann). Dort kaufe ich mir noch einen Cappuccino. Um mich ein wenig zu bewegen gehe ich einmal um den gesamten Platz. Als ich fast am gegenüberliegenden Ende angekommen bin sehe ich einen indischen Weihnachtsmann auf einem von einer weißen Mär gezogenen Wagen. Aus einem der zahlreichen Läden schallt eine britische Version von Jingle Bells und plötzlich bin ich voll in Stimmung. Durch Zufall fällt mein Blick auf einen Dekoladen und einem Impuls folgend kaufe ich zwei Hände voller Teelichter mit Lavendelgeruch. Ich weiß genau, was ich machen werde. Ich werde mich heiß Duschen (ein Luxus), mich in Lavendel hüllen, Kuchen essen und Rotwein schlürfen, ein Buch lesen und mit meiner Familie skypen. Nicht sehr weihnachtlich im deutschen Sinne, aber ganz nach meinem Herzen.

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AB AN DEN GOLF

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Was vom Tage übrig bleibt, Persischer Golf, Iran

Unverrichteter Dinge kehre ich aus Teheran nach Isfahan zurück. Kaum dort, steigen wir in der Dunkelheit in einen Minibus, der uns in den Süden des Landes bringen soll. Sobald das Dach beladen ist, die Rucksäcke festgeschnürt und alle Mann an Bord sind, werden die Vorhänge geschlossen, die Musik aufgedreht und das Fest beginnt. Nacheinander stehen die Anderen von ihren Sitzen auf und tanzen auf dem schmalen Gang während der Bus mit hundert Sachen durch die Nacht braust. Ich schaffe es nur mit Schwierigkeiten, den Tanzaufforderungen auszuweichen. Mir ist das Tanzen im Iran unangenehm. Auch hier möchte ich am liebsten fliehen. Am Ende gibt es nur eine Möglichkeit. Ich schließe die Augen und ziehe mich zurück in meinen eigenen Kopf. Dort ist es friedlich, weit ab von schlechten Witzen und übergriffigen Persönlichkeiten. Ich habe zu diesem Zeitpunkt bereits jegliche Toleranz und den sonst immer spürbaren Wunsch, kulturellen Begegnungen offen entgegenzutreten, verloren. In mir ist etwas gestorben und ich schaffe es nicht, meine angeborene Neugierde für fremde Menschen und andere Kulturen wachzuhalten.

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ALAMUT - ZU ZWEIT

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Silhouette jumping, Alamut Castle, Qazvin, Iran

Aus der Wüste musste ich wieder einmal nach Teheran zurück, um mich mit J., meinem Reisepartner für Pakistan, gemeinsam um das entsprechende Visum zu bemühen. Wir hatten beide keine Lust, uns der Hauptstadt hinzugeben und so beschlossen wir gemeinsam in das Tal der Assassine zu fahren, Bergluft zu atmen und anzutesten, ob wir gemeinsam reisen konnten.

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ISFAHAN oder M&M

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Spiegeldecke, Isfahan, Iran

Isfahan ist mit Recht eine der Hauptattraktionen des Iran und für mich wichtig, nicht wegen der tollen Paläste, der spannenden Feuertempel und der großen Moscheen, sondern weil ich hier M. & M. kennengelernt habe. Sie nehmen mich auf und bieten mir ein Zimmer und einen Schlafplatz im Austausch für Englisches Sprachtraining. Sie sind ganz anders als alle anderen Iraner, die ich bisher kennengelernt habe. Sie stehen voll im Leben und versuchen den Regeln ihres Landes nach zu leben. Sie sind nicht tief gläubig, aber doch gläubig.

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WÜSTENTRÄUME

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Dromedar in Wüste, Wüste Manajab, Iran

Noch nie habe ich so etwas schönes gesehen wie die Wüste Maranjab. Ich habe generell noch nie eine Wüste gesehen. Insofern ist meine Reaktion dieselbe wie die jedes anderen Europäers, der zum ersten mal von Sanddünen umgeben ist. Mir steht der Mund offen.

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AUF IN DEN IRAN

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Fotografieren in Grenzregionen ist streng verboten, Also ein Bild von einem jungen Iraner in der Wüste, Yazd, Iran

Die Busfahrt in den Iran ist ein Abenteuer. R. (aus Alawerdi), die zufällig an meinem letzten Tag in Yerewan ist, trinkt einen Café mit mir und setzt mich in den vollbesetzten Bus. Ich sitze im hinteren Teil, mit einer Meute von Männern. Die Frauen sitzen alle weiter vorne. Hier bekomme ich bereits einen Vorgeschmack auf das, was mich im Iran erwartet. Ich habe zum Glück einen einzelnen Sitzplatz, der durch den Gang von den im hinteren Teil des Busses reisenden jungen Männern getrennt ist.

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DILIJAN

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Der Herbst ist da, Dilijan Nationalpark, Armenien

Mein Besuch in Dilijan ist geprägt von dem im vorangehenden Post beschriebenen Vertrauensbruch. Ich hatte die Schnauze gehörig voll von Armenien. Dilijan ist eine nette kleine Stadt, aber die Stellung der Frau wurde mir hier immer beklemmender bewusst. Durch R., die ich in Alaverdi kennenlernte, bekam ich Kontakt zu I. und S., ebenfalls Freiwillige. Beide kommen aus Deutschland und bestreiten bereits seit einigen Monaten die armenischen Untiefen. Sie lernen die Sprache, können bereits lesen und haben einige spannende Momente erlebt. Da sie vom European Volontary Service entsandt wurden, haben sie einen armenischen Aufpasser. Das ist Segen und Fluch zugleich. Fluch, weil jede Bewegung beobachtet und kommentiert wird und Segen, weil er tatsächlich unverzichtbar ist. Diese ständige Beobachtung ist ganz typisch für dieses Land. Hier weiß jeder über jeden Bescheid.

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EIN NEUER ANFANG

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Blumenvielfalt auf 2.000 Metern, Kazbegi, Georgien

Georgien. Der Kaukasus beginnt hier von einer Sekunde auf die andere. An der Stelle, an der mich mein russischer Taxifahrer abgesetzt hat, ist das Tal noch breit und die Berge sehen aus wie schmächtige Halbwüchsige. Der Grenzübertritt nach Georgien liegt einen Kilometer südlich in der Kerbe einer mächtigen Schlucht. Die Dreitausender steigen zu allen Seiten selbstbewusst in die Höhe und gebieten Ehrfurcht. Anstelle von Militär wird die Grenze hier von einem großen Mönchskloster bewacht. Dort mache ich meine erste Pause und gratuliere mir zum Landeswechsel. Schon lange bin ich dazu übergegangen auch kleine Etappen zu feiern. Manchmal ist der Weg im Kopf so viel weiter als die tatsächlichen Kilometer.

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EIS, EIS, BABY!

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Die Wolga mit den Jiguli-Bergen, Samara, Russland

Das langsame Erwachen der Natur fasziniert mich sehr. So habe ich den Frühling noch nie erlebt. Seit drei, vielleicht sogar vier Wochen friert es tagsüber schon nicht mehr. Trotzdem liegt immer noch Schnee im Straßengraben und auf dem Strand an der Wolga. Jetzt wird dort unten am Fluss der Sand sichtbar und die letzten meterdicken Eisschollen am Ufer liegen verloren herum. An schönen Nachmittagen kann ich erahnen, was für einen schönen Sommer es hier geben wird. Die Eisplatten sind an einigen Stellen des Ufers noch so groß, dass sie sich nicht bewegen lassen. Die kleinen Wellen des noch nicht befahrenen Flusses klatschen leise gegen das Eis, sie höhlen die Eiskanten aus und bilden überraschend stabile, über das Wasser hinausreichende Eisdächer.

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GEFÄHRLICHES RUSSLAND

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Stromausfall bei Straßenbahnen im Aprilschneesturm, Samara, Russland

Eigentlich wollte ich über Pfannkuchen schreiben. Aber als ich heute morgen über die Straße lief, entschied ich mich anders.

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UNTER DEM SCHNEE

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Schnee, soweit das Auge reicht, Samara, Russland

Hier sagt man, dass es nur zwei Jahreszeiten gibt: den Sommer und den Winter. Der Frühling und der Herbst sind kurz, fast nicht zu spüren. Natürlich stimmt das nur, wenn man der Meinung ist, dass der Winter so lange andauert wie Schnee liegt oder fällt und der Sommer solange kein Schnee fällt. Man kann sowohl den Frühling als auch den Herbst spüren, sehen und riechen.

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DIE WOLGA

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Vom Stadtrand aus gesehen, Samara, Russland

… ist hier in Samara ein verdammt breiter Fluss. Ich erlebe sie noch zugefroren, so dass man ohne Probleme darüber wandern kann. Es dauert eineinhalb Stunden bevor wir auf der Insel ankommen werden, die vor der zweiten, der weit schmaleren Hälfte liegt. Der Weg ist eine täglich patrouillierte und gesicherte Straße über das Eis. Obwohl der Schnee platt gedrückt ist, versinken wir bis über die Knöchel im darauf liegenden Schnee. Nur Ева (Jewa), die Familienhündin, hat damit keine Probleme. Sie wälzt sich genüsslich im Schnee und versucht ihre Nase unter die weiße Decke zu schieben. Der graue Himmel, die klitzekleinen Schneeflocken und der eiskalte Wind setzen ihr nicht zu. Der Rest der Familie hat bereits alle Mützen, Handschuhe und Schals über die dem Wind ausgesetzten Hautzonen gezogen. Da wir in der Regel tun, was wir uns vornehmen, laufen wir schweigend bis zu der Insel auf der anderen Uferseite. Dort sehe ich den ersten Buntspecht der den Stamm einer Birke bearbeitet. Auch hier streckt der Frühling trotz Schneegestöbers seine Fühler aus. Die Insel ist ein Paradies für Jäger und Eisfischer, die uns zahlreich entgegenkommen. Alle sind eingepackt in Tarnkleidung, mit armeegrünen Rucksäcken ausgestattet und nicht selten Eisbohrern auf schlittenähnlichen Tragen, die sie hinter sich her ziehen. Da wir auf der Insel das Marschland und seine Bewohner bereits beobachten konnten und somit wussten was uns auf der anderen Seite des Ufers erwarten wird, entscheiden wir uns für einen heißen Tee zuhause. Der Rückweg würde auch so lange genug werden.

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MOSKAU

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Kremlin und Citycenter, Moskau, Russland

In Moskau werde ich von J. am Bahnhof abgeholt. Ich bin froh, sein vertrautes Gesicht zu sehen und genieße es, nichts in Erfahrung bringen zu müssen, nur zu folgen und alles zu finden ohne zu schauen. Weil ich nur zwei Nächte in der Hauptstadt bleiben werde, bringen wir mein Gepäck weg und stürzen uns in das Gewühl der Stadt. Für Moskau habe ich keine Stadtkarte gemacht. Es ist riesig und ich weiß nur sehr punktuell, was ich alles gesehen habe. Irgendwie vieles um den Roten Platz herum, Millionen von Lichtern, Hunderte von Pelzmänteln, (mehr als fünf, aber weniger als zehn) Metrostationen, schöne Menschen, Supermärkte, Statuen, viele Statuen, Kirchen, Parks, Einkaufsstraßen. Nachts brennen meine Beine, sind so dick wie noch nie und meine Kniekehlen hören nicht auf zu klagen.

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DER BOTANISCHE GARTEN

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Die Ebenen beim Spiel mit Blumen und Glas, Botanischer Garten, Sankt Petersburg

Sankt Petersburg ist wirklich schön. Auch das ist ein Ort, an dem man länger als zwei Tage verbringen kann. Weil ich nicht die Muße hatte, um vor Kunst zu stehen – ich war nervös und ständig auf der Hut, noch nicht ganz angekommen – entschied ich mich dazu, die Eremitage auszulassen und mir stattdessen den botanischen Garten anzuschauen. Das schien mir wichtiger als die europäischen Kunstwerke. Ich war schon immer eine KINO (Kunsthistorikerin in name only) und habe es studiert, weil mich besondere Orte seit Jahr und Tag fasziniert haben. Die Historie ist dabei im besten Fall eine spannende Geschichte und im schlechteren Fall ein unumgängliches Übel oder sagen wir ein Beigeschmack. Ganz ohne geht es nicht, aber die Hauptattraktion war sie nie.

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MIT KOPFSPRUNG INS VERGNÜGEN

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Nevsky Prospect in der Nacht, St. Petersburg, Russland

Als ich aus dem Zug ausstieg, war es bereits dunkel in Sankt Petersburg. Die Zugfahrt hatte nur dreieinhalb Stunden gedauert und so anders fühlte sich das Russland hier im Norden nicht an. Es war ein wenig kälter als Vantaa. Außer dem Übermaß an uniformierten Menschen, der großen Anzahl von pelztragenden Frauen jeden Alters, den kyrillischen Buchstaben und der großen Schere zwischen teuren und billigen Autos, schien mir der Unterschied zwar da, aber nicht schockierend zu sein. In meinem Kopf schwirrten alle Vorwarnung der Menschen aus Russland herum, die mir das Bild eines wilden und rücksichtslosen Landes gezeichnet hatten. Hier jedoch fand ich nichts Wildes oder gar Rücksichtsloses (nicht mal der Verkehr!).

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EISSCHWIMMEN

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Das erste Mal, Finnland

Ich habe Eisschwimmen bereits in meinem Hinterkopf in irgendeiner Ecke verbuddelt. In meiner unmittelbaren Umgebung gibt es keine Finnen, die diesem Sport frönen. Dachte ich zumindest. An einem meiner letzten Wochenenden in diesem bezaubernden Land bekommt R. eine E-Mail mit der Frage, ob wir das nicht mit einer befreundeten Mutter einmal ausprobieren wollen. Sie habe das vor 10 Jahren einmal gemacht, weiß, wo man hingehen muss und hat Lust darauf. Ich bin sofort Feuer und Flamme. R. bekommt weiche Knie. Sie ist eine langsam-ins-Wasser-watende Person und ist sich fast sicher, dass in 0,6 Grad kaltem Wasser zu schwimmen nicht ihrer Vorstellung von Entspannung entspricht. Sie gibt sich einen Ruck und packt alles, was wir zum Eisschwimmen benötigen: Badeanzüge, ein großes und ein kleines Handtuch zum Duschen und in der Sauna draufsitzen, Krocks, Beanies und Limonade. Im Auto wird mir flau im Magen. Ich habe große Töne gespuckt, bin mir so kurz davor dann aber doch nicht mehr sicher. Bin ich denn blöd? Die Finnen spinnen doch sowieso, warum tue ich mir das eigentlich an? Eisschwimmen. Also wirklich!

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SISU

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Eine ganz normale Landstraße in Vantaa, Finnland

Mein Gastvater ist ein ehemaliger Rallyefahrer. Wenn ihr an Autorennen denkt, kommt gedanklich weg von der Formel 1 und hin zu dem, was Finnland wirklich zu bieten hat. Da ich selber überhaupt keine Ahnung von Autos, Rennen und Rallyes habe, schaut euch das folgende Video von Top Gear mal an:

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DIE KURISCHE NEHRUNG

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Fähre auf die Kuhrische Nehrung

Nach 4 Tagen in Klaipéda, in denen ich mir entweder den Kopf zerbrochen hatte oder ohne Erfolg relativ verzweifelt wegen meines verlorenen Geldbeutels von Büro zu Büro gelaufen war, beschloss ich, mich mit einer Fährfahrt zu belohnen. Ich hatte auf einer der Broschüren gelesen, dass es irgendwo auf dieser Insel ein Delfinarium geben sollte und beschloss zur Not einfach dorthin zu gehen. (Ich war noch nie in einem solchen Etablissement und hatte keine Ahnung, was mich dort für eine Tierquälerei erwarten würde.)

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KLAIPÉDA

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Kapitel 1, 2 und 3 der Geschichte lesen.

Dies ist Kapitel 4/4.

 

Als ich in Klaipéda ausstieg, stand die Sonne knallrot am Himmel. Die Wolken fingen das rosarote Licht dramatisch ein. Ich empfand es als gebührende Würdigung meines Seelenzustandes und lief in Richtung meines AirBnB. Zum Glück standen hier vor jedem Bahnhof Stadtkarten und es gab in jedem Fernbus Internet. Ich wusste genau wohin. Den Bus in die Stadt konnte ich nicht nehmen, da selbst die 80 Cent dafür nicht zu finden waren. Bettelarm, hungrig und isoliert stand ich also in der fremden Stadt. (Wie schnell das manchmal geht...) Aus den Bewertungen auf AirBnB wusste ich bereits, dass meine Gastgeberin einen Obstteller und Tee für Ihre Gäste bereitstellte. Ich hätte fürs erste etwas zu essen, Wärme, eine Dusche, ein Bett und einen Ansprechpartner. Für die Umstände würde es mir prächtig gehen.

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IRGENDWO = KAUNAS

English text
Lampen in der Nacht...

Kapitel 1 und 2 lesen.

Dies ist Kapitel 3/4.

 

Mit meinen gut unter meiner Kapuze versteckten Kopfhörern saß ich auf der Bank vor dem Gleis, an dem der Bus nach Klaipeda abfahren sollte. Die Busfahrer hatten mich bis vor die Haustür gebracht. Erst jetzt realisierte ich den Grad ihrer Fürsorge und verstand erst langsam, dass die Zeit in Litauen eine Stunde weiter gestellt war. Obwohl es auf meiner Uhr erst vier Uhr morgens war und der Bus laut Plan erst um 6:25 Uhr nach Klaipeda abfahren würde, musste ich trotz alledem nur 1 Stunde und 30 Minuten warten. „Nur“ war allerdings relativ, da es arschkalt war und sich hier dunkle Gestalten herumtrieben. So dunkel wie ich... Zur Sicherheit hörte ich Podcast. Ich hörte mich durch die neuesten Folgen von Reply All, Sampler und The guilty Feminist. Ich musste ständig schmunzeln. Podcasts sind so etwas wie Heimatersatz während meiner Reise. Die Heimat zwischen den Ohren.

Alle waren eingemummelt in ihre langen, meist schwarzen Mäntel. Nur beim genauen Hinsehen erkannte ich wie stylisch einige von ihnen waren. Ein Reisender stellte sein Gepäck zu meinem und fragte mich etwas auf Litauisch. Ich konnte ihm nur in Einwortsätzen und Zeichensprache Antworten. Er wollte auch nach Klaipeda, musste sich jedoch noch ein Ticket kaufen. Er ließ sein Gepäck bei mir stehen und ging zum Ticketbüro. Ich wußte nicht so recht, ob er ein Terrorist oder ein ganz normaler Mensch war. Ich war so geprägt von dem Terrorismusnarrativ, dass es mir fast ständig in den Kopf schwirrte. Außerdem hielt er ein schlecht verpacktes Etwas in der Hand. Es sah aus wie eine Drogenlieferung aus einem Film. Er trug es immer bei sich. Ich fragte mich, ob die Buslinien wohl ein häufig verwendetes Transportmittel für den Drogenschmuggel waren... Am Ende ließ er sogar dieses Päckchen neben mir stehen und als er eine Brille aus der Tasche zog, sah er plötzlich aus wie ein Architekt mit einem kleinen Modell. Es war wahnsinnig spannend zu sehen wie viel meiner Wertung vom Äußeren eines Menschen abhing. Eine Brille verwandelte einen Terroristen in einen Architekten. Just like that. Unser Vertrauensverhältnis baute sich langsam aus. Inzwischen verstanden wir uns ohne Worte. Am Ende ging auch ich zum Ticketoffice und ließ meinen großen Rucksack bei ihm. Mir war der Gedanke gekommen, dass ich eventuell Schwierigkeiten mit meinem Ticket bekommen könnte. Vielleicht musste ich mir gar ein Neues kaufen? Vielleicht war ich einem Internetbetrüger auf den Leim gegangen und die Eurolines-Busfahrer waren einfach nur freundlich gewesen und hatten Mitleid gehabt? Schließlich war mir das alles unklar. Lost in Translation. Im Ticketoffice merkte ich, dass mein Portmonee nicht mehr in meiner Tasche war. Panik. Ich besaß jetzt nur noch meinen Reisepass. Führerschein, sämtliche Bankkarten und mein Personalausweis war weg. Mein Kopf raste. WER? WIE? WAS? WO?

Es musste mir aus der Tasche gefallen sein, im Bus. Mein Ticket war zum Glück auch für diesen Bus gültig. Die Dame eilt mir hinterher, da ich vor lauter Schreck einfach raus gegangen war aus dem Ticketbüro, ohne Ticket. Ich hätte kein Geld gehabt, mir ein neues zu kaufen und wäre ohne Internet, ganz alleine in Kaunas gestrandet. Im Bus schriebe ich M. eine E-Mail (der Studentin aus dem Bus von Gdansk nach Kaunas), sie antwortet fast sofort. Leider war sie bereits in einem anderen Bus nach Riga. Sie schickte mir jedoch alle Adressen, die ich kontaktieren musste, um die Geldbörse eventuell wiederzuerlangen. Ich war unendlich dankbar sie getroffen zu haben und dass ich bereits ein AirBnB gebucht hatte. Ich wusste, wo ich hin musste. Ein Schritt nach dem anderen.

 

(die Geschichte geht weiter.)

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VON POLEN NACH LITAUEN.

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Kapitel 1 lesen.

Dies ist Kapitel 2 von 4.

 

Ich hatte ausgerechnet, dass, wenn ich gegen 20 Uhr versuche einzuschlafen, ich immer noch auf meine 8 Stunden Schlaf kommen könnte. Mehr oder weniger ausgeschlafen würde ich also „Irgendwo“ sitzen. Das war schonmal besser als meine jetzige Situation; außerdem würde um 6 Uhr die Sonne aufgehen. Einmal im Land kommt man überall hin und bei Tageslicht erst recht. Essen würde ich dann dort auch finden. Ich war also ziemlich entspannt, oder eher angespannt-entspannt. Ein für mich neues Gefühl.

Die junge Lettin, M., fragte mich, wo ich hin wollte, warum ich reise, etc. und wir fingen ein sehr nettes Gespräch an. Studenten sind ähnlich wo auch immer man sie trifft. Es entsteht unglaublich schnell ein Vertrauensverhältnis, eine gemeinsame Basis. Wir tauschten Mailadressen aus (eine göttliche Fügung!!!), unterhielten uns über meine Visitenkarten, die sie mit professionellem Blick als schön einstufte (jeah! Sie war vom Fach) und tauschten uns über unsere Reisen aus. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich die Visitenkarten zur richtigen Zeit, am richtigen Ort hervor ziehen und sie jemandem, den ich nicht bereits kannte, in die Hand drücken. Sie war eine erfahrene Busreisende und reiste weiter nach Riga, hatte einmal eine Fernbeziehung nach Deutschland gehabt, sprach alle Sprachen, die ich nicht sprach und ziemlich perfektes Englisch. Ich war unglaublich erleichtert. Sie fragt nach meiner Route und versprach ihre Kontakte nach Estland spielen zu lassen, um mir eine Couch in Talinn zu organisieren. Denn „It's much nicer to stay with someone when that someone knows someone else that knows you as well.“ Eine Logik, der ich folgen konnte. Was mich an dieser Möglichkeit jedoch am meisten reizte, waren die zufälligen Verbindungen und Netzwerke, die sich dadurch erschlossen. Vor meinem inneren Auge sah ich ein Netzwerk von roten Linien, das sich um den Globus erstreckt. Es waren all die kleinen Verbindungen und Bekanntschaften, die einander kennen und füreinander aktiv werden, all die Möglichkeiten, die Geschichten, die Blickwinkel. All die kleinen verschiedenen Welten und Gesellschaften – die weitestgehend verschlossen nebeneinanderher leben und nur durch zufällige Bekanntschaften miteinander in Verbindung treten – bildeten das rote Netzwerk, welches gerade in meinem Kopf vibrierte.

Für einige Stunden war ich ganz bei mir, im Hier und Jetzt, versöhnt mit der Welt. Mein Vertrauen in den Weg (trust the road) war tief und ich fühlte mich sicher und geborgen. Die alten Damen, die vor mir saßen und sich bald über alle vier Sitze ihrer Reihe ausstreckten, in regelmäßigen Intervallen alle aufweckten, um aufs Klo zu gehen, unterhielten sich plätschernd. Sie rochen wie alte Frauen in Deutschland, ihre Proviantkörbe waren jedoch mindestens doppelt so groß. Ich freute mich auf das ausgiebige Frühstück, wenn ich „Irgendwo“ ankäme und trank einige Schlucke aus meiner Flasche. Zu meinem Erstaunen verteilt der Busfahrer 0,5 Liter Wasserflaschen an jeden, sodass mein Vorrat aufgefüllt werden konnte und ich auch am Morgen hydriert bleiben würde. Es waren die kleinen Dinge auf dieser Reise, die mich glücklich machten.

Auf dem Rücken liegend, über alle vier Sitze des Busses ausgestreckt (do like the locals do), fand ich einen tiefen und erholenden Schlaf. Aufgeweckt wurde ich nur dann, wenn eine der alten Ladies auf die Toilette ging. Dann starrte ich an die Decke des Busses, grübelte über das Design der Sitzbeleuchtung nach – war es Absicht, dass sie im Dunkel aussahen wie ein Pitbull? Ich versuchte es zu fotografieren, aber mein iPhone war nicht gut genug und meine große Kamera zu tief unter meinem Sitz. Außerdem schlief ich fast. Ich machte trotzdem ein iPhone-Foto (siehe oben), postete es (das Internet im Bus war vorzüglich) und hoffte dabei inständig dass meine Eltern bereits schlafen würden und NICHT live mitbekamen dass ich im Bus ins Nirgendwo saß. Schließlich mussten sie am nächsten Tag früh raus und brauchten ihren Schlaf. Ich wähnte mich in Sicherheit, da es bereits nach 22 Uhr war. Dann drehte ich mich auf die Seite und versuchte erneut zu schlafen. Nur für den Fall, packte ich mein Portmonee in die mit Reisverschluss verschließbare Tasche meines Fleeces und deckte mich mit meiner Überjacke zu. Es war kuschelig warm, am Busfenster flog ein wunderschöner Sternenhimmel an mir vorbei. Wir waren bereits „Irgendwo im Nirgendwo“ zwischen Polen und Litauen. Im Schlaf fanden meine Hände den Weg in meine Fleecetaschen und umschlossen mein Portmonee, alles war hier. Nichts vergessen, nichts verlegt. Es gab keine Probleme, die ich nicht alleine bewältigen konnte.

Das nächste Mal wurde ich vom Busfahrer geweckt, wir waren da. Eine Stunde früher als angekündigt, aber hier musste ich raus. Ich packte meinen Rucksack, schlüpfe hastig in meine Schuhe und stolperte aus dem warmen Bus in die kalte Nacht. Und dort stand ich dann. Aus dem Bus schauten mich die alten Damen, mit großen Augen an. Als könnten sie nicht verstehen, warum sich das eine junge Frau alleine antat. Eingemummelt in mein Fleece, meine Jacke und (zum ersten Mal auf der Reise) meinen selbst gestrickten Wollschlauchschal, zog ich meine Kopfhörer auf, meine Fleecekapuze drüber und setze mich auf eine Bank in die Dunkelheit.

 

(Die Geschichte geht weiter.)

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NACH KLAIPEDA, BITTE.

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Handgeschriebener Spruch: "Irgendwo im Nirgendwo"

 

Teil 1 von 4

 

Gdansk. Nach drei wunderschönen Tagen in Gdansk bei E & B wusste ich eins sehr sicher: Ich brauchte Einsamkeit und „a room of my own“. Ich musste noch so viel kleines Zeug organisieren, meinen Blog irgendwie dazu bringen, dass er mehr oder weniger von alleine läuft und überhaupt einen Raum haben, in dem ich schreiben kann. AirBnB: Raum gefunden, Zimmer gebucht, voilà! Nächster Stop Klaipeda. Luftlinie zirka 277 km. Mit dem Bus würde ich einmal um Kaliningrad drumherum fahren. Tatsächliche Strecke: 670km. Nicht ideal, aber für Kaliningrad war ich noch nicht bereit. Gemerkt, respektiert und Alternative gesucht. Der direkte Wasserweg war ausgeschlossen. Ich habe im Internet einen Nachtbus gebucht. Ahnungslos wie ich bin, einfach irgendwo.

Ich hatte bereits alle meine Zloti ausgegeben und keine Zeit mehr Geld zu holen. Gerade so noch konnten E & B mich dazu bringen einen Teller vorzüglichen Nudelauflauf mit Spinat zu verzehren (Danke, danke, danke! Das war die letzte richtige Mahlzeit für die nächsten 72 Stunden), drückten mir noch schnell 5 Zloti für den Bus in die Hand und dann sprang ich los. Mein Bus würde um 19 Uhr am Busbahnhof auf Steig 11 abfahren. Keine Ahnung, wo das war. Der Bus zum Bahnhof brauchte länger als normal, irgendwie logisch – Rush Hour. Ich wurde langsam nervös. Mir ging so einiges durch den Kopf auf dieser Busfahrt. Vor allem war ich froh, alleine zu sein. Trotz aller Nervosität wusste ich, dass WENN ich zu spät komme, wenigstens nur MIR Probleme daraus entstehen würden. Ich hätte niemandem etwas mit meiner Ungeplantheit versaut oder ihn in Panik versetzt. Obwohl, so schlecht geplant war das alles gar nicht... Ich hatte schließlich für den 25 minütigen Weg zum Busbahnhof ganze 40 Minuten einberechnet. Dass der Stadtbus 5 Minuten zu spät war und so viel länger brauchen würde als normal: Naja, meine Güte!

Am Busbahnhof folgte ich einfach einer Gruppe von aufgeregt sprechenden Jugendlichen, die es auch eilig zu haben schienen und gingen immer genau in die Richtung, in die ich tendenziell gegangen wäre. Und es war wunderbar, sie gingen zum selben Bus wie ich. Die slawischen Sprachen konnte ich nur mit großer Schwierigkeit auseinanderhalten. Ich dachte, es seien Polen, aber es waren Ukrainer und Russen. Ein wilder Mix. Beim Bus angekommen, stellte sich heraus, dass dieser Bus am richtigen Steig abfuhr, aber nicht nach Klaipeda, sondern nach Kaunas und dann Vilnius fuhr. Er könnte mich ins richtige Land bringen, aber zum richtigen Ort müsste ich mitten in der Nacht umsteigen und 1-2 Stunden in einer fremden Stadt am Busbahnhof warten. Toll. Genau das, was ich vermeiden wollte. Die Busfahrer schauten sich meine Ticket an, schüttelten den Kopf und verfluchten mich auf Polnisch. Sie wollten los und sagten, steig einfach ein. Ich war etwas ratlos.Sollte ich in einen Nachtbus steigen, der mich um 5 Uhr irgendwo absetzt und überhaupt nicht dahin fährt, wo doch in meinem Ticket tatsächlich steht, dass es einen direkten Bus geben soll? Die Ukrainer und Russen scharten sich um mich, um für mich zu übersetzen. Der polnische Busfahrer, ein Ukrainer der Polnisch und eine Russin die Englisch konnte, schafften es in reinstem babylonischen Sprachgewirr zu kommunizieren, wo das Problem lag. Ich hatte mich bereits entschieden. So what! Rein ins Abenteuer. Der Ukrainer hatte einen Schutzinstinkt für mich entwickelt und fand es nicht mit seiner Ehre vereinbar, eine junge Frau in einen Nachtbus ins Nirgendwo zu schicken. Er riet mir stark davon ab, erzählte mir, dass der Busfahrer auf jeden Fall verrückt sei und war sprachlos, als ich trotzdem einstieg. Ich hatte entschieden, dass am Ende jedes Nirgendwo ein Irgendwo ist. Außerdem war in letzter Sekunde eine junge und sehr hübsche Frau dazugekommen, die Polnisch verstand und Englisch sprach. Ich habe sie nie gefragt, aber ich glaube, sie war Lettin und im Zweifel konnte sie mir übersetzen, was die Busfahrer mir sagen wollten.

 

(die Geschichte geht weiter.)

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