DIE KARTEN WERDEN GEMISCHT

English text
Der Schatten des Baumes vor meinem Fenster, Sydney, Australien

Das Leben in Australien ist hart und rücksichtslos. Gleichgültig wie reich man ist, leben die meisten Menschen am Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten. Hier zahlt man immer zu viel. Alles ist zu teuer, jeder muss den maximalen Gewinn rausschlagen, um zu überleben. Man bezahlt nie den tatsächlichen Preis, die Gewinnmarge ist drei bis viermal so hoch wie in Europa. Selbst schlechte Qualität wird für horrende Preise verkauft. Neben Produkten ist jedes Erlebnis mit einem hohen Preisschild versehen. Am Ende zählt auch bei persönlichen Kontakten häufig nur eines: das Geld. Um Geld zu bekommen ist es moralisch vertretbar, alles zu tun was man kann. Häufig komme ich in Situationen, die mich sprachlos zurück lassen.

Ich ziehe bei der Familie aus und zurück auf die Couch meiner Freundin Meg. Sie weiß, wie der Haase läuft. Ohne sie wäre meine Zeit in Sydney sehr viel härter gewesen. Bei ihr bleibe ich für einen Monat auf der Couch und bewerbe mich unentwegt für alle möglichen Jobs. Ich versuche klar zu kommen, mit den auf mich einprasselnden Nöten und Wünschen. Letztendlich bekomme ich zwei Interviews fürs Fotografieren. Ich gehe zu beiden hin und werde bei beiden genommen. Das eine Interview ist zum Fotografieren des Weihnachtsmannes in Einkaufszentren, das andere für einen Fotografen/Telesalesmarketer-Job in einem Familienstudio. Ich entscheide mich für zweiteres, obwohl mir mein Chef als zu „marketing“ erscheint und sich bald herausstellt, dass meine Zeit nicht 50/50 gesplittet wird, sondern 90% Telesales und 10% Fotografieren. Da meine Kollegen jedoch ausschließlich Australier sind und mir interessant erscheinen, beschließe ich meinen Kopf zu beugen und brav darauf zu hoffen, dass es so schlimm schon nicht sein wird.

Mit meinem Gehaltscheck bekomme ich ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zurück. Ich kann endlich wieder Klamotten kaufen und meine Garderobe aufpäppeln. Es ist bitter nötig. Inzwischen sind die meisten meiner Kleidungsstücke zwei Jahre alt und mit unschönen (wenn auch dezenten) Flecken versehen. Zum Bewerbungsgespräch leihe ich mir noch Klamotten von Meg, die mir nicht so ganz passen. Meine neue Garderobe, die ich mir nach den ersten zwei Monaten im Job zugelegt habe, gibt mir das Gefühl, ich selbst zu sein und offenbart gleich noch etwas über die Menschen auf diesem Kontinent. Von Qualität verstehen sie nichts. Egal wie viel Geld jemand hat, rennen die meisten in Klamotten herum, mit denen man sich in Europa nicht auf die Straße trauen würde. Das mag am Wetter liegen, denn die Wärme lässt es unwichtig erscheinen. Der Unterschied ist frappierend. Demnach bestelle ich meine Klamotten in Amerika und Japan und bin letztendlich glücklich und dankbar für die Globalisierung.

Am Ende entschließe ich mich, das nette Angebot von Meg anzunehmen, in ihrem Gästezimmer zu bleiben. Da ich jetzt zwar verdiene, aber eben nicht sehr gut, könnte ich mir die Mietpreise in Sydney nur auf Biegen und Brechen leisten. Was mir zu Beginn als völlig ausreichendes Gehalt vorkommt, stellt sich bald als mager heraus.

Nur langsam lerne ich, mein neu errungenes Deck zu verstehen und meine Karten richtig auszuspielen. Trotz allem habe ich wieder mal großes Glück gehabt. Und da somit in meinem täglichen Leben alles geklärt ist, entspannt sich mein Kopf in meiner neuen Realität. Jeden morgen um 7.45 Uhr stehe ich nun auf, laufe zum Bus und lasse mich zehn Kilometer weiter zum Studio chauffieren. Wieder lerne ich eine neue Realität kennen.

 

*Falls euch die Texte gefallen, unterstützt mich auf Patreon!*

 

Write a comment

Comments: 0