IM STILLSTAND

English text

(Drei Monate später)

Wie Yoda sitze ich auf der grünen Ledercouch. Stundenlang. Nichts bewegt sich. Der Kater kuschelt sich schnurrend gegen meinen Oberschenkel. Ich habe ihn liebgewonnen. Mir geht es gut im Stillstand.

Ich habe aufgegeben, mich mit Australien versöhnen zu wollen. Was nicht ist, ist nicht. Vielleicht nehme ich in 20 Jahren eine zweiten Anlauf, vielleicht auch nicht.

 

Vor ein paar Monaten stand ich in einem privaten Krankenhaus in Sydney im Operationssaal Nummer 5. Vor mir operieren zwei „hot-shot heart surgeons“ an einem (von mir) unidentifizierten Körper, während eine Maschine die Arbeit des Herzens übernimmt. Sie pumpt das Blut durch durchsichtige Schläuche, während das stillgelegte Herz schutzlos zwischen den sterilen blauen Papierschichten hervorlugt. Die Stimmung im Raum ist elektrifiziert. Als hätten alle Partikel die Schwingungsrichtung geändert. Leise Musik im Hintergrund setzt die Konzentration im Raum in Szene. Ich stehe da mit meiner Kamera, in meinem Element und mit der Realisation, dass ich das was die da tun, auch hätte tun können, hätte ich ein paar Entscheidungen anders getroffen. Aber ich wollte nicht und will auch heute nicht. Hinter meiner Kamera bin ich genau richtig.

Vom anderen Ende der Welt scheint alles möglich zu sein. Alles. Ich habe mich noch nie so unbesiegbar gefühlt wie hier, wie jetzt. Es ist als wäre ein Vorhang von meinen Augen gefallen. Es ist paradox, denn selten hatte ich so wenig Gestaltungsraum wie in diesem Land, aber gerade das führt mir vor Augen, wie viel ich doch schon entschieden habe.

Ich weiß inzwischen, dass ich ohne Flugzeug um die Welt reisen kann. Die Pedanten unter euch werden sagen: „De facto bist du gescheitert. Du musstest schon zwei Mal ins Flugzeug steigen.“ Scheitern ist der beste Lehrmeister. Keine Entscheidung hat mich mehr gelehrt als der Schritt ins Flugzeug. Drei Stunden in der Luft, zerstören weder noch beeinflussen sie in irgendeiner Weise die Erfahrungen, die ich in den drei Jahren erlebt habe, in denen ich mit beiden Füßen auf dem Boden stand.

Das Weiterreisen scheint mir vor allem ein Abschreiten der im Weg stehenden Orte zu sein. Natürlich gibt es viele Länder die ich noch sehen möchte. 90% davon befinden sich allerdings auf der Nordhalbkugel unseres Planeten. Grönland, Island, Schottland. Alles was dazwischen liegt, interessiert mich nicht ganz so brennend. Dann gibt es noch ein paar Fähigkeiten die ich lernen möchte, so wie das Erlernen von Spanisch oder vielleicht Portugiesisch.

Die Planung meiner weiteren Route ändert sich grundlegend. Ursprünglich wollte ich von Australien aus nach Süd- oder Zentralamerika, über die USA, Canada nach Grönland und über Island und Schottland nach Hause. Jetzt ziehe ich erstmal weiter nach Neuseeland und von dort irgendwo nach Süd- oder Zentralamerika. Und dann geht es heim. Zumindest fühlt es sich so an. Mir wird immer deutlicher, dass das nicht meine letzte Reise gewesen sein wird.

Mein Weg wird trotz der Routenänderung noch lange dauern. Ungefähr 10 Monate in Neuseeland, mindestens sechs Monate in einem Spanisch sprechenden Land und dann mal schauen wie lange es braucht bis ich in Europa lande. Von anglophonen Ländern habe ich erstmal genug. Die kann ich besuchen wenn ich alt bin oder reich oder beides oder nie. Mein Herz bleibt dabei ganz gelassen. Mit gelassenem Herzen reist es sich schlecht.

Ich schlage meine Beine unter, atme tief durch und gewöhne mich an die Stille. Mein Kopf war lange damit beschäftigt diese Entscheidungen mit sich herum zu tragen. Irgendwann kam der Tag, nach einem Telefonat mit Leo (vom eins2frei-Blog die in einer ähnlichen Situation steckt wie ich), wo alles plötzlich ganz einfach wurde. Innerhalb von 5 Tagen habe ich dann alles entschieden, was mich zwei Monate lang diffus beschäftigt hat und jetzt bin ich nur noch ein bisschen nervös. Die letzten zwei Monate in Australien arbeite ich nicht. Ich organisiere meine Weiterreise. Visum. Containerschiff. Psyche. Schlafen. Lesen. Kochen. Backen. Ich genieße die Stille und den Raum den ich mir hier noch nehmen darf. In Neuseeland werde ich erstmal wieder mit Jugendherbergen und Mehrbettzimmern vorlieb nehmen. Wer weiß, wann ich wieder so komfortabel existieren werde wie hier in Meg's Gästezimmer.

 

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