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DAS „ÜBERLEGENE“ GESCHLECHT

English text

Ich hätte meine Zeit im Iran nicht überlebt ohne das Wissen, dass es eine Welt gibt, in der Frauen wie ich existieren. Vieles von dem, was hier steht, habe ich schon oft gelesen oder gehört. Es ist nichts Neues, jedoch habe ich es im Iran emotional auf einem Level verstanden wie noch nie zuvor. Der Iran hat mich vollends zur Männlichkeitshasserin gemacht. Ich kann stundenlang darüber reden, wie schrecklich Männer sind und nur mit einem Satz am Ende andeuten, dass ich auch tolle kenne (allerdings meistens keine von hier). Ich habe genau einen vertrauenswürdigen Iraner in meiner Zeit dort kennengelernt. Einen Einzigen. Alle anderen meinten, dass ich früher oder später mit ihnen schlafen müsste, dass sie ein Recht auf meinen Körper hätten. Auch beim Schreiben werde ich noch wütend und der Hass steigt mir in heißen Wellen den Nacken empor.

WARUM ICH DARÜBER SCHREIBE?

Weil ich es nicht nicht tun kann. Ich habe mit vielen Männern und Paaren geredet und wir haben unsere Erlebnisse verglichen. Immer hat mich die Frau verstanden und von der einen oder anderen deplatzierten Hand erzählt, den Blick, den sie sich nicht getraut hatte zu benennen aus Furcht oder Scham oder der Überzeugung, dass sie es sich eingebildet habe. Die Männer waren ausnahmslos überrascht. Für sie ist der Iran das Paradies auf Erden. Sie bekommen hier alles, was sie sich träumen können, ob verboten oder nicht. Die iranischen Frauen sind scharf auf sie, weil sie ihnen die Flucht in die westliche Welt ermöglichen (im besten Fall) und die iranischen Männer sind beeindruckt, weil die Ausländer im Vergleich zu ihnen reich erscheinen. Es ist das hässliche Gesicht des Irans, welches sich den Männern mit der Maske von 1001 Nacht präsentiert und mir nackt ins Gesicht starrt. Es ist eine Perspektive, die Frauen nicht mit Männern teilen und da ich überzeugt bin, dass es im Grunde ein männliches Problem ist, versuche ich in diesem Text meine Erlebnisse greifbar zu machen.

Das Gehupe auf der Straße ist etwas, das häufiger wird, je südlicher ich reise. Jedoch habe ich die Erfahrung im Iran gemacht, dass nicht nur Taxifahrer hupen. Meistens hupt der Mann, weil er,

a) „Hallo“ sagen will, quasi eine höfliche Geste,

b) Geld an mir verdienen möchte oder

c) mir zeigen möchte, dass er mich sogar ficken würde.

Jedes Mal wenn ich reflexartig den Kopf hebe und in die grinsenden Augen eines Mannes schaue, der irgendwelche Zungenakrobatik macht, könnte ich mich übergeben. Also höre ich auf hochzublicken, um mich dem nicht auszusetzen. Daraus folgt jedoch, dass ich jedes Hupen auf mich beziehe. Jedes Hupen ist die Erinnerung daran, dass ich gesehen werde und dass ich hier nicht hingehöre. Das ist übrigens etwas – da sind sich die Experten auf der ganzen Welt einig – das überall gleich funktioniert. Wer sich für diesen Aspekt interessiert, dem empfehle ich einen spannenden Artikel über joggende Frauen in New York.

ANGST BEKOMME ICH, WENN

... die Autos anfangen langsam neben mir her zu fahren, schneller werden, wenn ich schneller werde, etc. Das Spiel kennen Frauen auf der ganzen Welt. In solchen Momenten ist es im Iran egal, was ich sage, als Frau zählt mein Wort wenig. Auf der Straße ist es jedoch nicht nur das Gehupe, das meine Aufmerksamkeit fordert, sondern auch die Männer in den Einzelwarengeschäften. Die häufig aufkommende Langeweile in ihrem Alltag brechen sie damit auf, Gespräche zu suchen. Das ist etwas, was ich in der Zwischenzeit zwanghaft vermeide. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese Gespräch zu 99% darin enden, dass ich erklären muss, warum ich nicht mit xyz schlafen will. Wenn ich Glück habe, komme ich noch vor diesem Punkt aus ihren Griffeln heraus, wenn ich Pech habe, sind ihre Hände bereits fest an meinem Po, meiner Brust, zwischen meinen Beinen. Da ich diesen Fehler schon seit meiner ersten Woche hier nicht mehr mache, bleibt den Männern nichts anderes übrig, als mich verbal zu ihrem Besitz zu machen, indem sie mir Sachen hinterher rufen. Zu Hause nennt man so etwas Catcalling, Pussygrabbing, Lockerroomtalk. Hier ist es das, was die Frau verdient, wenn sie alleine auf die Straße geht. Dabei wird nicht zwischen farbigen und weißen Frauen unterschieden. Natürlich ist die Situation eine andere, weil das Bild der weißen Frau maßgeblich von amerikanischen Filmen und „rape porn“ geprägt ist. Man geht hier davon aus, dass die weiße Frau Sex haben will, immer und zu jeder Zeit. Eine hoch problematische Vermischung von kulturellen Unterschieden. Die Frequenz bei weißen Frauen ist höher, aber jede Frau muss mit einer hohen Frequenz dieser Übergriffe umgehen lernen.

DAS IST DER HINTERGRUND

... die Autos anfangen langsam neben mir her zu fahren, schneller werden, wenn ich schneller werde, etc. Das Spiel kennen Frauen auf der ganzen Welt. In solchen Momenten ist es im Iran egal, was ich sage, als Frau zählt mein Wort wenig. Auf der Straße ist es jedoch nicht nur das Gehupe, das meine Aufmerksamkeit fordert, sondern auch die Männer in den Einzelwarengeschäften. Die häufig aufkommende Langeweile in ihrem Alltag brechen sie damit auf, Gespräche zu suchen. Etwas, das ich mittlerweile zwanghaft vermeide. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese Gespräch zu 99% darin enden, dass ich erklären muss, warum ich nicht mit x schlafen will. Wenn ich Glück habe, komme ich noch vor diesem Punkt aus ihren Griffeln heraus, wenn ich Pech habe, sind ihre Hände bereits fest an meinem Po, meiner Brust, zwischen meinen Beinen. Da ich diesen Fehler schon seit meiner ersten Woche hier nicht mehr mache, bleibt den Männern nichts anderes übrig, als mich verbal zu ihrem Besitz zu machen, indem sie mir Sachen hinterher rufen. Zu Hause nennt man so etwas Catcalling, Pussygrabbing, Lockerroomtalk. Hier ist es was die Frau verdient, wenn sie alleine auf die Straße geht. Dabei wird nicht zwischen farbigen und weißen Frauen unterschieden. Natürlich ist die Situation eine andere, weil das Bild der weißen Frau maßgeblich von amerikanischen Filmen und „rape porn“ geprägt ist. Man geht hier davon aus, dass die weiße Frau Sex haben will, immer und zu jeder Zeit. Eine hoch problematische Vermischung von kulturellen Unterschieden. Die Frequenz bei weißen Frauen ist höher, aber jede Frau muss mit einer hohen Frequenz dieser Übergriffe umgehen lernen.

Das ist der Hintergrund, vor dem ich letztendlich kapituliere. Denn neben diesen alltäglichen Vorkommnissen kann ich aus jeder Stadt im Iran, ein besonders traumatisierendes Geschehen erzählen. Ob es der Mann ist, der mich in Teheran mit festem Griff in seinen Laden zieht, die Jungens, die mich in Kashan mit Steinen bewerfen, die Männer, die sich in der engen Altstadt von Yazd in der Mittagshitze aus einem vorbeifahrenden Auto lehnen, um nach meinen Brüsten zu greifen, die mich mit dem Auto oder zu Fuß verfolgenden Männer in Isfahan, die neben mir onanierenden Männer in Schlafsälen in Jerewan und Teheran, die unter meine Nase geschobenen Handy screens auf denen „rape porn“ läuft und die beiläufig gemachten Angebote von Männern jeden Alters und jeder Bildungsschicht, ganz unabhängig vom Kontext, in dem ich ihnen vorgestellt wurde, zermürben mich.

Was mich dabei am stärksten quält ist, dass die Straßen im Iran nicht eigentlich unsicher sind. Sie werden unsicher gemacht, weil es gesellschaftlich gewollt ist, dass Frauen nicht am öffentlichen Leben teilhaben. Das unsichtbare Gefängnis der Frauen ist künstlich und wird von Männern aufrechterhalten. Denn wenn ich an einer Gruppe von Männern vorbeilaufe, kann ich sicher sein, dass einer von Fünfen glaubt, das Recht zu haben, mich anzugehen. Auch wenn die um ihn herum stehenden Männer das widerwärtig finden und dieses Verhalten verurteilen, sind sie nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun. Sie schweigen und damit wird die von einem Mann geäußerte Drohung, fünffach verstärkt. Im Kontrast dazu sind die iranischen Frauen die stärksten, am besten ausgebildeten und schönsten Menschen, die ich auf meiner bisherigen Reise gesehen habe. Sie leben alleine (in Städten auch selbstbestimmt), oder mit Männern. Sie sind alles, aber nicht schwach. Jede findet ihren eigenen Kompromiss, um in diesem Land und unter diesem Regime zu leben. Einige leben erfüllt und entspannt, andere zittern vor Wut und Hass unter ihren Hijabs. Das Spektrum ist riesig.

VON MENSCHEN ZU HAUSE

... werde ich häufig gefragt: „Sag Bella, jetzt ehrlich, wurdest du... vergewaltigt?“ als wäre das das Maß der Dinge. Wir unterscheiden zwischen sexueller Belästigung und Vergewaltigung in dem Glauben, dass es einen Unterschied gibt. Wir bemerken kaum, dass wir dabei zwischen körperlicher und psychischer Gewalt unterscheiden, jedoch außer Acht lassen, das beides Gewalttaten sind die sich zwar auf einem Spektrum befinden, aber beide ein Akt der Inbesitznahme eines anderen Menschen sind. Da es für Frauen zentral ist, sich vor solchen Übergriffen zu schützen und wir von kleinauf darauf trainiert wurden uns dieser Form von Gewalt zu entziehen, beginnt der Kampf bereits wenn man uns etwas hinterher ruft oder in der Dunkelheit hinter uns läuft. Unser Körper reagiert sofort, unser Herz schlägt schneller, das Schlüsselbund wandert in unsere Hand, wir suchen nach Fluchtwegen, Panik schwillt in unserem Nacken und das Rauschen in den Ohren wird lauter. Dieser Grad von erhöhter Aufmerksamkeit gemischt mit einer guten Portion Panik, ist nicht dauerhaft ertragbar. Wir versuchen also uns anzupassen und nach unseren Fehlern und Vergehen zu suchen, die das Verhalten der Männer rechtfertigt. Meine Erlebnisse haben mir gezeigt, dass nichts was ich tue, etwas am Verhalten der Anderen ändert. Denn es geht bei der Sache nicht um mich. Niemand hat tatsächliches Interesse an mir. Es geht um die Erhaltung der eigenen Dominanz. Darum, dass sich die eigene Frau nicht sicher auf der Straße fühlen soll. Schließlich ist es harte Arbeit, die Überlegenheit des männlichen Geschlechts tagtäglich unter Beweis zu stellen.

Wir glauben, die Situation im Iran sei besonders schlimm, weil es eine Islamische Republik ist und fühlen uns sicher in unserem Europa. Es gibt auch im Iran Frauen, die sich sicher fühlen. Genauso wie es Frauen in Europa gibt, die sich bedroht fühlen. Das schöne Wort Privileg spielt dabei eine zentrale Rolle. Ich kann meine Heimatstadt nachts relativ furchtlos durchqueren, kann das eine farbige Frau auch? Wie viele Angstmomente durchlebt sie, wenn sie nachts durch eine Stadt in Ostdeutschland geht im Vergleich zu mir?

Ich hatte Glück, dass während meines Aufenthalts im Iran die Weinstein-Sache losgetreten wurde. Ich hätte es nicht so lange ausgehalten, ohne das Wissen und die ständige Bestätigung, dass es überall Männer gibt, die Arschlöcher sind. Leider geht der Großteil der Diskussion an genau diesen Männern vorbei. Sie dürfen jetzt noch nicht mal mehr Komplimente machen, frotzelt es aus allen Ecken. Jedoch ist das doch eine ganz einfach Sache. Komplimente dürft ihr gerne machen, solange ihr nichts als Gegenleistung erwartet. Nichts. Auch kein Lächeln.

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Trotz alldem noch einmal zurück zum Iran. Es ist wichtig im Auge zu behalten, dass der Iran ein wunderschönes Land ist, mit genug Menschen, die sich nach dem Kontakt zur Außenwelt sehnen. Wenn man als Mann oder als Pärchen unterwegs ist, ist das Reisen durch den Iran einfach. Die Infrastruktur ist gut, man kann fliegen, Bus, Bahn oder Autofahren. Man kann das Land auf eigene Faust erkunden oder sich eine der zahlreichen Touren buchen. Das Spektrum ist riesig. Nur weil ich das Patriarchat hier so deutlich als etwas Verwerfliches erfahre, heißt das nicht, dass es offensichtlich ist. Es ist wichtig diese Mechanismen anzusprechen, auf die Blicke aufmerksam zu machen und den Männern in meinem Umfeld zu zeigen, warum die Regeln für mich andere sind. Jeden Tag sehe ich Beispiele, die meine Empörung untermauern und immer deutlicher werden die Parallelen zu meiner Heimat. Aufs große Ganze gesehen, war meine Zeit im Iran vor allem anstrengend. Ich bin froh, dass ich dort war, jedoch bin ich genauso froh gehen zu können.

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