AUSBRECHEN

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Khanpalast von Bachtschyssaraj, Krim, Russland

Nach drei Wochen habe ich zwei Tage Pause. Zwei meiner Kollegen bringen die Kinder zurück nach Moskau, zwei weitere bleiben mit mir zusammen vor Ort. Außer uns Betreuern bleiben zwei Mädchen für die zweite Runde unseres Camps auf der Insel. Da die meisten vor allem im Sinn haben lange zu schlafen und gut zu Essen, schleiche ich mich morgens um halb acht vom Camp und springe in den Bus in die nächste Stadt. Ich will mehr sehen von der Insel.

Auf einer der hinteren Bänke des Minibusses lasse ich mich über endlose asphaltierte Straßen schaukeln. Der Bus wirbelt eine große Staubwolke in der trockenen und flachen Landschaft auf. Es gibt keine Klimaanlage, die Fenster können nicht geöffnet werden, nur die Dachluken sind offen und von Zeit zu Zeit kommt ein verirrtes Lüftchen bei mir an. Der Schweiß perlt mir von der Stirn, läuft meine Wirbelsäule hinab und ich frage mich, nicht zum ersten Mal, warum ich mir das antue.

Bachtschyssaraj, Krim, Russland

Zunächst treibt es mich in die Mitte der Insel, vorbei an Simferopol nach Bachtschyssaraj, einem kleinen Ort in dem die Krimtartaren ihren größten noch existierenden Palast gebaut hatten. Da ich keinen Fahrplan der Marschrutkas finde, beschließe ich zu laufen. Auf Yandex (dem Russischen Google) sieht der Weg von der Busstation bis zum Ortskern nicht weit aus. Kurz darauf laufe ich eine asphaltierte und sehr verstaubte Straße entlang. Es ist 40 Grad im Schatten und ich trage meinen 6kg schweren Rucksack auf den Schultern. Ich habe nur das nötigste dabei um irgendwo draußen übernachten zu können. Mein Ziel ist es so viel zu sehen wie nur möglich. Ich lasse mich weder durch die gnadenlos brennende Sonne noch meinen inzwischen völlig durchnässten Rücken davon abbringen. Einen Schritt vor den anderen, vorbei an Hochspannungskraftwerken und Armeestützpunkten die friedlich gesichert in der Mittagshitze vor sich hin glühen. Ich entscheide mich nach einiger Grübelei für eine von Googlemaps vorgeschlagene Abkürzung. Aus Italien weiß ich zwar, dass Google einen manchmal durch die Gärten fremder Menschen schickt und quer durchs Feld über Wiesen und Felder für eine Abkürzung, aber der von Yandex vorgeschlagene Weg lässt mich einen Umweg von 2 km laufen. Nein, Danke. Ich entscheide mich dafür gefährlich zu leben und biege direkt hinter der Kasernenmauer auf einen unbefestigten Trampelpfad ab. Wie gefährlich kann ein Verbrecher/Hund bei 40 Grad im Schatten und kurz nach dem Mittagessen schon sein?

Der Palast ist eine Oase. Hinter den Mauern ist es deutlich angenehmer als auf der Straße. Die großen Bäume spenden wertvollen Schatten und die Wasserspiele kühlen die Luft. Die dicken Mauern der kleinen Häuser speichern die Kälte und in den hölzernen Alkoven verfängt sich der kleinste Windhauch. Die langen Vorhänge bewegen sich anmutig im Wind und durch die Fenster sieht man immer mehr kleine Gärten, zu denen uns der Eintritt verwehrt wird. Die Gärten die wir sehen sind gefüllt mit roten Rosen. Hier wird an allen Ecken renoviert. Man spürt die Hochkultur, die Echtheit dieses Ortes in allen Windungen. Es ist der erste Ort in Russland, neben den Städten Moskau und Sankt Petersburg, wo ich Geschichte spüren kann. Sie wirkt zum greifen nahe. Mein Auge wandert über die Architektur und findet ganz ohne Hilfe Inspiration und Geschichten. Von ganz alleine formt sich meine Antwort auf die zu Beginn gestellte Frage: deswegen tue ich mir das an.

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