PAKA RUSSLAND

English text
Tschüss sagen am schönsten Fluss der Welt, Samara, Russland

Russland! Viel zu schnell ist die Zeit verronnen. Viel zu lange brauchte ich am Anfang um zurecht zu kommen und doch habe ich es am Ende irgendwie geschafft. Der riesige schwarze Fleck auf meiner Landkarte, Russland, ist nun angefüllt mit Anekdoten und Ideen, Menschen und Lebensentwürfen. Ich konnte Vorurteile kontextualisieren und relativieren. Ich habe viel gelernt. Ein letztes Mal spüre ich nun das Rattern des Russischen Zuges. Wir fahren in langsamem Trott auf die Berge zu. Mein Kopf wandert in die entgegengesetzte Richtung, zurück nach Russland. Es ist so viel geschehen in diesem Land. Es gibt einige Momente, die mir geholfen haben mich meiner so unverständlichen Umgebung aufs neue zu Widmen. Es sind oft kleine, ruhige Momente und vielleicht bleiben sie gerade deswegen so frisch in meiner Erinnerung.

SAMARA, MÄRZ 2017

Der Geruch beim Betreten der Metro erinnert mich an den Geruch meiner Grundschulsporthalle. Er ist so vertraut, dass es mir merkwürdig erscheint ihm hier in Samara zu begegnen. Nachdem ich 11.277 Kilometer über Land zurückgelegt habe und so weit von meiner Heimat entfernt bin wie nie zuvor, löst diese plötzliche Vertrautheit Euphorie in mir aus. Hier bewege ich mich dauernd zwischen den Extremen, zwischen Fremde und Vertrautheit, Schönheit und Verfall, Wissen und Ahnungslosigkeit. Es ist merkwürdig, dass ich gerade in einem so stark frequentierten Ort wie der Metro, ein so großes Gefühl von Sicherheit habe. Ich weiß was ich tue, wohin ich gehe und auf wen ich achten muss. Eine Seltenheit in meiner momentanen Lebensrealität.

SAMARA, JUNI 2017

Habt ihr schonmal versucht einer Elfjährigen zu erklären was Nudeln mit roter Soße sind, oder Kartoffelpuffer mit Apfelmus? Mir fehlten die Worte.

SAMARA, JULI 2017

In Russland darf man von Montag bis Sonntag von acht bis zweiundzwanzig Uhr in der Wand bohren. Ich lebe in einem Neubauviertel und am Haus neben uns wird noch gebaut. Seit ich hier bin werde ich jeden morgen vom Bohren in der nachbarlichen Betonwand geweckt. Manchmal habe ich Glück und man bohrt im Dachgeschoss. An den meisten Morgen wird allerdings im Keller oder Erdgeschoss gebohrt, Material an die Hintertür geliefert und am Zaun zu unserem Grundstück aufgestapelt. Es macht mich verrückt. Schon lange sehne ich mich nach den Spießbürgerlichen Ruhezeiten aus Deutschland. Dort geht es ab acht Uhr los, von zwölf bis drei ist Mittagsruhe und zwischen sechs und acht gehen die Bauarbeiter nach Hause. Ich kann mich mit den Gepflogenheiten hier nicht so recht anfreunden, kann aber den Gleichmut und die Toleranz meiner Russen nur bewundern. Für die geht es schon viel länger so mit der Lärmbelästigung und noch niemand hat sich bei den Nachbarn beschwert. Wie auch, bis vor kurzem wurde ja auch in diesem Haus noch gebaut. An einigen Tagen fühlt es sich an als wäre es das einzig fertige in der Straße. Natürlich stimmt das ganz und gar nicht, jedoch sind wir von Baustellen umringt. Beim Haus hinter unserem Garten werden die Wege um das Haus herum gepflastert. Heute wurde der Kieselgrund festgestampft. Nebenan wird in Hochtouren die Fassade mit Styropor gedämmt, in den Wänden gebohrt und die Eisentüren im Wind schwingen gelassen. Letzte Woche spielte ich Ball mit der Jüngsten, als die ganze Luft grau vernebelt war und Styroporkugeln wie Schnee durch die Luft flogen. Schnee im Juli. Wir flohen in unsere Zimmer.

JEWPATORIA, JULI 2017

Der Regen dribbelt von den Blättern des Pflaumenbaumes und der graue Himmel verspricht dass das Unwetter noch eine Weile bleibt. Mit einem krachenden Bersten zerbricht das Haus der Schnecke unter meinen Plastikschuhen. Kurz halte ich inne, gehe dann aber weiter. Es hat keinen Sinn. Selbst wenn ich auf den Boden sehe, erkenne ich nicht alle. Sie sind zu gut getarnt, groß und klein. Morgen früh wird der Beton von glitzernden Schleimspuren gekreuzt worden sein, die in der Masse, ähnlich eines horizontalen Spinnennetzes, in erstaunlich geraden Linien über den Weg führen.

Das Rattern des Zuges holt mich wieder zurück ins Hier und Jetzt. Etwas verwundert schaue ich auf die Veränderung in mir selbst. Sie ist lesbar in meinen Texten. Mein anfängliches Unverständnis quillt aus jeder Zeile. In wenigen Stunden werde ich wieder an einem neuen Anfang stehen. Ich werde ein neues Land betreten, die Sprache nicht sprechen und klitzeklein zwischen den Bergen hängen. Ich frage mich ob ich die Menschen in Georgien so verkennen werde wie die Menschen in Russland? Es zaubert mir ein Schmunzeln auf die Lippen, die alten Texte zu lesen. In Windeseile kann ich mich in mein altes Ich zurückversetzen, weiß wo die Einordnung meiner Umgebung verkehrt war und es wird mir einmal mehr bewusst, dass dieser Kampf ein Leben lang anhalten wird. Ignoranz ist allmächtig.

Zum weiterlesen

Russland im Archiv

*Falls euch die Texte gefallen, unterstützt mich auf Patreon!*

Write a comment

Comments: 0