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ANGST

English text
Der Sternenhimmel, Kazbegi, Georgien

Angst. Die spielt bei mir eine große Rolle.

 

Ohne sie geht es nicht. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt meiner Reise.

 

Viele Frauen, denen ich begegne sagen mir: „Das was du machst, würde ich auch gerne machen, aber ich kann das nicht. Ich habe Angst.“

Ich kann das gut verstehen. Ich habe auch Angst.

***

Ich habe Angst vor fremden Kulturen, Menschen, Tieren, Geräuschen, Einsamkeit, Autos, Armut, Traurigkeit, Abhängigkeit, Dunkelheit, Spinnen, tiefen Gewässern. Bestimmt ist das nicht alles. Einige der Ängste kenne ich gut. Sie begleiten mich seit Jahren und Monaten. Kommen immer wieder, lassen sich nicht bewältigen. Ängste haben so eine Angewohnheit, sich unbeeindruckt neu zu sammeln, hat man sich ihnen einmal gestellt. Schon so oft habe ich einigen von ihnen ins Auge geblickt, sodass meine Reaktion auf sie routiniert und lächelnd erfolgt. Ich habe bereits gelernt, das höchst wahrscheinlich nichts zu befürchten ist. Angst habe ich trotzdem.

In vielen Nächten liege ich nachts in meinem Zelt und mein Herz schlägt so laut, dass ich mir sicher bin, der eingebildete Wolf hat es bereits gehört. Mein Herz springt mir bei jedem Klopfen aus der Kehle, mein Atem wird flach, mein Körper versteift sich und meine Augen sind weit geöffnet. Klassisches Beutetierverhalten. Jede Nacht, die ich im Zelt verbringe, lausche ich erwartungsvoll auf die Geräusche, die in meiner Umgebung zu hören sind. Einmal, als ich das Zelt schlecht gespannt hatte, hörte es sich an, als würde eine Horde von Indianern um mein Zelt tanzen. Ich war starr vor Angst und gleichzeitig amüsiert von meiner Absurdität. Es half nichts. Nach einigem Zaudern nahm ich meine Kamera in die Hand (immer die Waffe meiner Wahl), steckte meinen Kopf aus dem Zelt und lief einmal drumherum. Damit ich nicht ohne Grund aus meinem warmen Bett gekrochen war, beschloss ich ein paar Fotos vom spektakulären Sternenhimmel zu schießen. Danach war ich endlich in der Lage einzuschlafen. In einer anderen Nacht wurde ich von zwei streunenden Hunden in ihr Rudel aufgenommen. Ich machte in dieser Nacht kein Auge zu, da mich das Geräusch der Hoden leckenden Hunde so irritierte. Ich kann von unzähligen Momenten wie diesen Erzählen. Aber jede Geschichte endet mit der folgenden Erkenntnis.

DIE ANGST IST IN UNSEREN KÖPFEN. WÄRE SIE REAL, WÜRDE MAN SIE EIN PROBLEM NENNEN.

Bei meiner Reise geht es nicht darum, Ängste zu ignorieren. Mir geht es darum zu verstehen, wo meine Angst herkommt und ihr dann ins Auge zu blicken. Bei jeder fremden Kultur habe ich aufs neue Angst. Oft bleibe ich bewegungslos an einem Ort bevor ich eine weitere Grenze übertrete. In dieser Zeit reise ich nicht, bleibe meistens in den mir verfügbaren vier Wänden und ordne meine Unterlagen. Ich bearbeite Fotos, skype mit meiner Familie oder schreibe über das Erlebte. Ich sammle meine Gedanken, lasse Revue passieren und schlafe. Das ist der Raum, den ich meiner Angst geben muss. Ignoriere ich sie, verbündet sie sich mit all meinen anderen Ängsten. Und gegen alle zusammen bin ich machtlos.

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