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AUF IN DEN IRAN

English text
Fotografieren in Grenzregionen ist streng verboten, Also ein Bild von einem jungen Iraner in der Wüste, Yazd, Iran

Die Busfahrt in den Iran ist ein Abenteuer. R. (aus Alawerdi), die zufällig an meinem letzten Tag in Yerewan ist, trinkt einen Café mit mir und setzt mich in den vollbesetzten Bus. Ich sitze im hinteren Teil, mit einer Meute von Männern. Die Frauen sitzen alle weiter vorne. Hier bekomme ich bereits einen Vorgeschmack auf das, was mich im Iran erwartet. Ich habe zum Glück einen einzelnen Sitzplatz, der durch den Gang von den im hinteren Teil des Busses reisenden jungen Männern getrennt ist.

Ich bin die einzige Ausländerin. Und die iranischen Männer haben nochmal ordentlich aufgetankt. Ich bin nicht entzückt. Das wird anstrengend. Also gehe ich zu meiner erlernten Profilaxe über. Ich bin extrem unfreundlich, lasse mich in kein Gespräch verwickeln und pampe die an meinem Sitz ruckelnden Männer ordentlich an. Nach kurzer Zeit ist ihnen klar: mit der Deutschen ist nicht gut Kirschenessen. Erst als wir mitten in den armenischen Bergen in dreißig Zentimetern Schnee stecken bleiben und ordentlich auf den Serpentinen entlang rutschen, traut sich ein junger Mann zu fragen, ob ich Angst hätte. Verschlafen runzle ich die Stirne. So eine blöde Frage. Der Busfahrer zieht gerade Schneeketten auf, also wird es bald weiter gehen. Ich verneine. Das scheint ihn zu beeindrucken. Ich habe schon lange gelernt, solche Bedenken nicht zu pflegen. Ich hätte in keine Mashrutka steigen dürfen, in kein Auto. Es ist verlorene Energie. Der Busfahrer fährt das Jahr über alle zwei Tage über die Grenze. Der weiß, was er tut.

 

Und dann geht die Sonne auf und ich laufe durch das Niemandsland zwischen Armenien und Iran zwischen zwei Bergketten. Außer ein paar streunender Hunde bewegt sich nichts. Zu meiner Verwunderung werde ich nicht zum Interview geladen, sondern als „good woman“ durchgewunken. Ich bin hier im Iran offiziell Lehrerin und als solche, trotzdem ich eine Frau bin, anerkannt. Ich werde genauestens gemustert von allen Männern (und etwas versteckter von ihren Frauen). Ein Mann, der mit seiner Frau unterwegs ist, schenkt mir vorsichtig einen iranischen Schokoriegel und freut sich sehr, als ich ihm den guten Geschmack bescheinige. Zu den anderen Gästen bin ich nach wie vor schweigsam. Ich fühle mich wie im Zoo, will endlich weiter, fühle mich nicht beschützt vom Hijab. Es sind zu viele inzwischen nüchterne junge Männer und gerade deswegen bekomme ich auf den ersten drei Metern im Iran bereits zwei Heiratsanträge. (FUCK YOU. I'm not for sale.) M., der junge Mann der mich bei der Schneepanne befragt hatte, übersetzt diese nur widerwillig. Er dünnt die zotigen Rufe zu fast freundlichen Kommentaren aus. Ich bin mir sicher, seine Übersetzung verdient ihren Namen nicht.

 

Da mein Busfahrer mich vergisst und nach der Schneepanne, die uns zwei Stunden gekostet hat, pünktlich in Tehran ankommen möchte, fährt er schlichtweg an Täbriz vorbei. Als ich mich mit Hilfe von M., dem jungen Iraner, bemerkbar mache, hält er am Highway, gibt mir meinen Rucksack und meint frech, ich solle mir ein Taxi nehmen. Mein iranischer Beschützer (mit seinen 23 Jahren) plustert sich wild auf und erreicht, dass er mit aussteigen kann um dem Militärposten zu verklickern, was für ein Taxi er anhalten sollte (hier gibt es einige verschiedene Preise und Möglichkeiten etc.) Bis das Taxi kommt, soll ich im Gebetsraum warten, den gibt es hier nämlich überall, auch auf dem Highway.

 

Als ich endlich in Täbriz aussteige, streift mich der Gedanke, dass ich verrückt bin. Alleine bei einer wildfremden Familie zu klingeln, in einem wildfremden Land. Aber wieder einmal vertraue ich meinem Bauchgefühl und werde belohnt. S. und ihre Schwester H. sind freundliche, sehr westlich orientierte junge Frauen, die die Schnauze gehörig voll haben vom Kopftuchtragen und vom Verhaltenskodex, der ihnen aufgezwungen wird. Es dauert nicht lange, bis sie mir von ihrem Frust und ihren Kämpfen erzählen. Einen Frust, den ich noch nicht ganz verstehe, bald jedoch genauso empfinden werde.

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Comments: 1
  • #1

    MKE (Saturday, 30 December 2017 12:59)

    So gut geschrieben Bella! Sehr sehr spannend das alles zu lesen! Glg