AUS DEUTSCHLAND

English text
Vor dem Seealpsee in der Schweiz

Vor einem Monat habe ich eine ganze Reihe von Texten verfasst über das, was als nächstes hier passieren sollte. Sie haben Titel wie „Und jetzt?“, „Und dann“ und „Ankommen“. Zum Veröffentlichen komme ich nicht.

 

Ich bin auf dem Weg nach Deutschland und mein Herz, mein Kopf und meine Reisewut stehen Kopf. Meine Lippen pellen sich, wie auch schon bei der Einreise nach Russland bekomme ich einen Herpes so groß wie eine Erdbeere. Das passiert bei mir immer bei einer ganz spezifischen Art von emotionalem Stress. Oft weiß ich erst beim aufblühen dieser kleinen Pest, dass ich ein Problem habe. So auch dieses mal. Die Nächte sind kurz und der Schlaf will einfach keine Erleichterung bringen. Bei meiner Ankunft in Deutschland habe ich ein verkrustetes Hitlerbärtchen.

Die Luft am Flughafen in Berlin-Schönefeld ist frisch und die Sicht diesig. Eine Gruppe von jungen Briten blödelt übernächtigt in der S-Bahn herum und natürlich werden die Fahrkarten kontrolliert. (Anders als in Russland, wo in jedem Wagen ein ständiger Kontrolleur ist, machen die Deutschen Stichkontrollen.) Berlin ist wie immer, ein bisschen dreckig, frech und unbekümmert. Auf dem Weg zum Südkreuz fahren wir an einem Graffiti vorbei das lieblos an einer Hauswand herumhängt: „Pups mal“ fordert es uns auf.

 

Der Raps steht in voller Blüte, die Rehe grasen entlang der Zugstrecke, der Traktor zieht seine Wege. In Deutschland ist alles wie gehabt. Der ICE gleitet wie auf Federkissen durch die Landschaft. Alles ist vertraut, die Felder sind rapsgelb, die Bäume grün und der Himmel blau. Das Ganze wirkt fast ein bisschen langweilig. In einer Stunde bin ich in Halle City.

 

Durch das offene Fenster höre ich meinen Vater über mir Cello üben. Das Stück kenne ich nicht. Die Melodie trägt den Geruch von blühendem Rosmarin und Vögelgezwitscher mit sich. Die Sonne scheint und vor meinem Fenster zupft jemand Unkraut. Ich muss lange geschlafen haben. So ganz bin ich noch nicht bei Bewusstsein. Vergraben in meinem Federbett bewege ich langsam meinen großen Zeh. Ich bin da. Einfach so, wieder in Deutschland. Langsam rolle ich mich aus meiner embryonalen Schlafstellung heraus. Alles ist ein wenig steif. Mit den ausgestreckten Fingern stoße ich gegen mein Kopfende, das Bett erscheint mir endlos groß, meine Füße strecken sich wagemutig über das Fußende hinaus. In meiner Abwesenheit haben sich einmal mehr die Spinnen breit gemacht. Eine balanciert wagemutig an der Decke über meinem Kopf. Ich drehe mich von der Gefahrenzone weg und ziehe meine Füße zurück an meinen Körper. Die Luft die von draußen herein kommt ist erstaunlich frisch. Trotz der großen Zahl von Blüten, fühlt man den Winter noch in der Luft nachklingen. Die dicke Bettdecke begräbt mich. Im Bett habe ich das Beste aus beiden Welten. Wenn ich etwas vermisst habe, dann vielleicht das. Weder die Finnen, noch die Russen halten viel von dicken Federbetten.

 

Bis vor wenigen Wochen habe ich voller Neid auf Fotos aus Deutschland geschaut. Die Blüten explodierten hier schon als in Russland noch der Schnee lag. Dann wurde es in Russland schlagartig heiß. Von einem Tag auf den anderen war der Winter vorbei und der Sommer hat Einzug genommen. Jetzt freue ich mich schon auf die heißen Tage zurück im größten Land der Welt und trotzdem ist mein Kopf verlangsamt. Nur schwer kann ich mich dazu bringen den nötigen Orgamist für das Visum zu erledigen, das Anrufen beim Arzt schiebe ich vor mir her. In Sekunden schnelle habe ich mich ins Prokrastinatieren gestürzt. Das ganze hier wird wohl etwas länger dauern als geplant. So ist das manchmal. Ich versuche es mir schön zu reden, schließlich braucht auch der Reisende mal eine Ruhephase. Das mit dem Russisch lernen ist Kräfte zehrend und zurück würde es später ja so oder so gehen.

 

Wenn ich eines gemerkt habe, dann dass ich noch nicht fertig bin mit Russland und dem Reisen. Hier in Deutschland ist alles beim alten und die Lösungen erschienen mir alle als schmerzhafte Kompromisse. Es knirscht gehörig im Getriebe und irgendwo ist mir das ganz Recht. Wäre ja noch schöner, wenn ich jetzt hier bliebe...

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