DIANAS ABSCHIED

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Almwiese in voller Blüte, Appenzell, Schweiz

Dianas Asche stäubt in grauen Wolken über das Appenzellerland. Wie als hätten wir das so bestellt ist das Bergland in graue Wolken gehüllt. Die bei Sonnenschein so beeindruckende Weite der tiefgrünen rollenden Hügel wird durch die graue Wolkenwand verkürzt und wirkt dadurch geschützter als sie bei Sonnenschein je erschienen wäre, fast intim. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch und an den noch ungemähten und in voller Blüte stehenden Wiesen hängen zahlreiche Wassertropfen. Da wo unsere Schuhe durch das Gras streifen perlt das Wasser an dünnen Grashalmen hinab oder legt sich wie eine klammernde Umarmung über das frisch polierte Leder unserer Schuhe. Wir stehen alleine auf weiter Flur. Das trübe Wetter bewahrt uns vor der sonst unvermeidbaren Touristenmeute des Wochenendes. Einer nach dem Anderen greifen wir in den kleinen Leinensack und heben die Asche gefüllte Hand in den Himmel. Das hier ist merkwürdig direkt und unzeremoniell, denn da vorne am Abgrund steh ich ganz alleine mit meinem Abschied in der Landschaft und schaue meiner Oma dabei zu, wie sie über die Wiesen tanzt...

Appenzeller trinken, wie es sich gehört, Appenzell, Schweiz

Nach dem Wochenende bleiben meine Eltern, mein Bruder und ich noch eine Woche in der Schweiz. Wir genießen die rollenden Wiesen, den würzigen Käse, den Appenzeller Schnaps und wandern von einem der Berge hinab ins Tal. Für mich ist es das erste Mal auf einem Berg, fernab von Skipisten und Schleppliften (Bucketlist √). Noch fühlt sich der Tourismus hier sanft an, die Aescheralp haben wir fast für uns alleine, der Weg ins Tal ist an einigen Stellen vom Schnee begraben und die Treppen warten auf ihre Frühjahrsreparatur. Die Landschaft ist nur schwer zu übertreffen.

Seeaplsee, Schweiz

Trotzdem die Reise nach Deutschland nicht eigentlich beschwerlich ist, ist sie doch auch irgendwo viel zu teuer. Nicht wegen des tatsächlichen Preises, sondern weil es finanzielle Kraft von meinem Endziel abzapft. Das Zurückreisen bringt Verunsicherung mit sich. Nicht etwa, weil ich mir jemals die Frage stellen musste, ob ich es hierbei belassen möchte. Viel mehr, weil ich die Grundangst vor dem Abbruch der Reise durch externe Kräfte nicht ganz verbannen kann. Meine Reise ist nicht die Lösung zu irgendeinem meiner Probleme. Sie ernährt mich auch nicht. Sie schmückt vor allem meine eigene Perspektive auf die Welt aus. Sie ist ein großer Luxus.

Schönes Kinderspielzeug, auch ein Luxus, Luzern, Schweiz

Etwas Positives hat mein Heimaturlaub: das zu Hause sein und die Fragen meiner Familie und Freunde über Russland, führen dazu, dass ich meine Erkenntnisse an anderen Menschen testen kann. Aspekte, die ich mich bisher gescheut hatte auszusprechen, aus Angst unfair zu sein oder Vorurteile zu bestärken, kann ich an den vertrauten Russlandexperten ausprobieren. Nicht selten zaubern ihre Reaktionen ein Lächeln auf meine Lippen, weil sie meine Vorsicht als Bevormundung entlarven. Schließlich soll es vor allem um das Beschreiben von Unterschieden gehen, nicht um das Verändern oder Verbessern der eigenen oder der anderen Kultur.

Das Appenzellerland bei Schwellbrunn, Schweiz

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