KULTURELLE UNWÄGBARKEITEN #3

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Abendsonne im staubigen Samara, Russland

Als ich mich das erste Mal an den Tisch setzte, saß ich vor einem Teller nackter Nudeln und einem Stück vom ganzen Huhn, dass I. fünf Stunden lang im Ofen gebraten hatte. Der Teller war so groß wie ein Frühstücksteller in Deutschland, aber zum Bersten voll. Dazu gab es einen kleinen Beistellteller von der Größe einer Untertasse mit Tomaten- und Gurkenschnitzen, auch die gab es ohne Sauce. Auf dem Tisch lagen Ketchup und Mayonnaise.

Um meine Gefühle beim Anblick dieser Tafel zu verstehen, muss man wissen, wie meine Normalität aussieht. Ich komme aus einem Haushalt, wo sich das Familienleben vor allem beim Essen abspielt. Es wird gegessen, gestritten und gefeiert. Manchmal alles zur gleichen Zeit. Dabei gibt es viele feste Regeln, auf deren Einhaltung, vor allem als wir Kinder waren, besonders Wert gelegt wurde. Es darf nicht geschmatzt werden, wir müssen gerade am Tisch sitzen und das Besteck zum Mund führen, nicht anders herum. Hier in Russland ist die Etikette eine andere. Es wird weniger darauf geachtet wie gegessen wird. Es darf geschmatzt und der Kopf bis wenige Millimeter über den Teller gebeugt werden. Es werden keine Schüsseln oder Töpfe auf den Tisch gestellt, jeder bekommt einen Teller. Nicht selten kriegen verschiedene Personen unterschiedliche Gerichte. Das Essen wird weder gemeinsam begonnen noch gemeinsam beendet. Trotzdem entsteht eine Gemeinschaft um den Tisch für die Zeit, die man sich beim Essen überlappt. Die gesamte Arbeit – kochen, Tisch decken und Küche sauber machen – erledigt die Mama. Nur das Abdecken erledigt jeder selbstständig. Das Befremden welches diese Art der Esskultur bei mir auslöste, legte sich erst nach einigen Monaten. Als meine Zeit in Samara schon fast vorüber war, verstand ich, dass das was ich als schön und harmonisch empfinde, für meinen Russen beklemmend und sinnlos erscheint.

Als ich mich das letzte Mal in Samara an den Tisch setzte empfand ich das erste Mal Vorfreude beim Anblick des Essens. Ich konnte darauf alles finden, was ich in meinen vier Monaten bei der Familie Hamzina zu lieben gelernt hatte. Jetzt befremdeten mich die verschiedenen Fleischberge überhaupt nicht mehr die (ohne Sauce) zu unserem Verzehr bereit lagen. Im Gegenteil, inzwischen wusste ich den Geschmack des herb-rauchigen und zart weichen Schaschliks zu schätzen, welches hierzulande vom Mann des Hauses zubereitet wird. Ich hatte gelernt das Fleisch auch ohne Beilagen oder Saucen zu verzehren und griff sogar einige Male zum Ketchup. (Ein Frevel bei mir zu Hause.)

 

Russisches Frühstück im Russischunterricht, Samara, Russland

Die Russischen Essgewohnheiten unterscheiden sich grundsätzlich von den Deutschen nicht in dem WAS auf den Teller kommt, sondern WIE es serviert wird. Als das für die Gesundheit Wichtigste gilt das Fleisch und die Kohlenhydrate. Zu jeder Mahlzeit gibt es eine Fleischbeilage. (In Deutschland gibt es Fleisch seltener.) Für die Kinder ist außerdem die Suppe zum Mittagessen Garant für gutes Wachstum und ein langes Leben. Von in Deutschland als „besonders gesund“ eingestuftem Gemüse scheint man hier nichts zu halten. Seid sechs Monaten habe ich so gut wie keinen Salat mehr gegessen, auch Saucen fehlen gänzlich. Oft habe ich den Eindruck, dass alles was in Russland als gesund gilt, in Deutschland als ungesund eingestuft wird.

Beleg meiner Irritation ist, dass ich das Essen nie fotografiert habe. Ich fand es visuell nicht ansprechend. So sehr ich von der mir vertrauten Lebensweise überzeugt bin, so habe ich einmal mehr gelernt wie relativ meine Perspektive ist. Mit anderen Worten: Nichts was für mich unverzichtbar erscheint, ist es tatsächlich.

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