PAUSE

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Blick vom Persischen Golf,  Vereinigte Arabische Emirate

Das volle Ausmaß meiner zwei Monate im Iran wird mir erst in Dubai bewusst. Zunächst verbringe ich fünf Tage in einem Hotel, in einem kleinen Apartment. Ich ernähre mich von Chips, Cola und drittklassigem Brioche. Alles, nur um nicht auf die Straße zu müssen. Ich schlafe und schaue Netflix. Ich bin überfremdet und muss meine Verteidigungsmauern ganz neu aufbauen. So ganz kann ich mir das alles nicht erklären, bis mir die Tennistrainingskanone in den Sinn kommt. Reisen ist im besten Fall eine gelungene Tennisstunde. Ich reagiere schnell und spontan auf die auf mich zukommenden Bälle. Im besten Fall treffe ich sie und schmettere sie zurück auf die andere Seite des Netzes. Ab und an lasse ich einen ins eigene Netz prallen, jedoch nur selten trifft mich der Tennisball am eigenen Körper. In Iran haben mich zu viele Tennisbälle getroffen. Am Ende stehe ich zu häufig mit über dem Kopf verschränkten Armen da. Eine Abwehrposition, die gegen die auf mich zu sausenden Bälle nichts ausrichten kann. Ich bin hilflos. Ein verdammt unangenehmes Gefühl.

In Dubai wird ziemlich schnell alles sehr ruhig um mich herum. Niemand spricht mit mir, ich kann mich dem Entdecken und dem Kommunizieren entziehen. Es dauert eine Weile, bis ich es schaffe zu schreiben. Schon lange ist es her, dass ich etwas Brauchbares zu Papier gebracht habe. Immer wieder breche ich inmitten eines Textes ab, weil es mir unangenehm ist, über das Erlebte zu schreiben. Es wieder zu erleben, es aufzufrischen, scheint mir Kraftverschwendung. Sobald ich jedoch mit anderen Menschen spreche, kommt es von ganz allein hoch. Die meisten wollen es gar nicht so genau wissen. Andeutungen sind genug, um Frauen zusammensinken und die Augen der Männer groß werden zu lassen. Keine Frau, die ich treffe, ist überrascht. Alle Männer dagegen sehr. Vor allem diejenigen, die den Iran besucht haben und ihn als das Paradies auf Erden erleben. Das war schon im Iran selbst so. Diese Begegnungen zeigen mir auch, dass es wichtig ist, das Erlebte zu schildern. Also tue ich genau das.

Hier in Dubai regiert das Geld. Wer welches hat, ist willkommen. In der U-Bahn sitzen Sari neben Hijab und Burka neben entblößter Schulter und unbedeckten Knien. Ich selbst traue mich noch nicht, meine iranische „Uniform“ auszuziehen, benutze auch hier noch das Womens-only-Abteil in der U-Bahn. Zu häufig erinnern mich Kopftücher und lange weiße Gewänder daran, dass ich hier fremd bin. Ich traue dem so offen gelebten Liberalismus nicht, kann mir nicht erklären, wie ich das mit dem übergriffigen und dogmatisch gelebten Islam im Iran vereinen soll. Erst nachdem ich mir die Malls, die der ganze Stolz der Emirate sind, angesehen habe und ein paar erfreuliche Stunden in mir vertrauten Läden verbracht hatte, beginne ich mich zu entspannen. Es überrascht mich immer wieder, in welchen Momenten die Erleichterung eintritt. Aber ich nehme was ich kann.

Dubais Stolz, Vereinigte Arabische Emirate

In Dubai finde ich auch einen der am besten sortierten Buchläden, den ich jemals betreten habe. Die Bücher von Frauen, sind nach Kulturkreisen und Ländern sortiert. Man findet seichte Liebesgeschichten neben literarischen Meisterwerken. Einen Frauenstapel voller rosa Buchumschläge gibt es hier nicht. Es ist eine Freude. Zum ersten Mal seit dem Anfang meiner Reise erlaube ich meinem inneren Bücherwurm Freilauf. Stundenlang blättere ich in den Millionen von Seiten. Hier gibt es keine Bücher für Frauen, nur Bücher von Frauen. Ich entscheide mich für einen Roman aus dem arabischen und zwei aus dem nordindischen Raum. Zum ersten Mal seit meinem Literaturstudium greife ich wieder nach Texten. Es fühlt sich monumental an, als würde etwas Zerbrochenes gekittet werden.

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