VON SCHÖNEN MÄNNERN UND EXPLODIERENDEN AUTOS

English text
Plakat des Bollywoodfilms, Quelle: https://www.yashrajfilms.com/movies/tiger-zinda-hai

Bollywood. Als ich in Jaipur zusehe, wie ein Obdachloser auf der Straße ausgeraubt wird, starre ich auf zwei Glasscheiben gleichzeitig. Der Fernseher, in dem ein Bollywoodfilm läuft, spiegelt sich in der blankpolierten Scheibe des Gemeinschaftsraumes, hinter der die harsche Realität stattfindet. Ich empfinde den Kontrast als gewaltig. Noch nie ist mir so deutlich vor Augen geführt worden wie Realität und Fiktion zueinander stehen. Als ich meiner neben mir sitzenden amerikanischen Bekanntschaft meine Beobachtung mitteile, erwidert sie cool, das sei mit Hollywood genauso. Da ich selbst noch nicht in Amerika war, kein Konzept von der Realität dort habe und alles was ich über das Land weiß aus Geschichtsbüchern und dem bewegten Bild habe, überrascht mich diese Analogie. Schließlich ist Bollywood so offensichtlich unrealistisch. Hollywood dagegen versucht wenigstens ein gewisses Maß an Realität zu erhalten, (dachte ich.)

***

Ich kann Indien unter keinen Umständen verlassen ohne einen Bollywoodfilm mit indischem Publikum zu sehen. Zu unserem Glück ist gerade ein nationalistischer Bollywoodfilm angelaufen. Ein Actionfilm der zum wiederholten Mal einen alternden Helden aus seinem alpinen (oder hier wohl eher himalayaischen) Glück katapultiert. Der Look des Films erinnert mich an Werbeaufnahmen à la Heidi auf der Alm. Die kurvige Schöne allerdings, die mit feministischen Parolen ihrem Göttergatten Einhalt gebietet, ist eindeutig Bollywood. (Nicht wegen der feministischen Parolen, sonder wegen der Kurven.)

Mit meinen in Jaipur aufgesammelten Mitreisenden (Australien, Deutschland und Canada) haben wir jeder 0,5l Cola mit Rum in den Kinosaal geschmuggelt. Immer wenn das Publikum lacht und wir den Witz nicht verstehen, müssen wir trinken. Unsere Drinks sind bevor der Film zu Ende ist leer. Beim ersten Öffnen der Flaschen verbreitet sich der Rumdunst frech im Kinosaal. Die Aufseher übersehen unser Fehlverhalten indisch-stoisch (Alkohol ist streng verboten) und auch niemand unserer Sitznachbarn weist uns zurecht. Dazu sind sie zu höflich. Wie immer in solchen Situationen schäme ich mich. Jedoch habe ich zum Versinken nicht viel Zeit. Bevor der Film beginnt, erhebt sich der gesamte Kinosaal um die Nationalhymne zu singen. Was mich natürlich in meiner Gedankenlosigkeit überrascht. Dann zieht es uns in einen Strudel aus explodierenden Autos, muskelbepackten Männern in weißen Hemden, Zeitlupenaufnahmen des dunkeläugigen Göttergattens und Einsatzansagen der Leading Lady. Sie rettet ihn dreimal, jedoch rettet er sie, wenn es zählt. (Das Genre ist nur bedingt dehnbar.) Der Film ist angefüllt mit komödiantischen Nebenrollen und pathetischen Momenten. Die Bösewichte sind, ganz zeitgemäß, ISIS und obskure muslimische Extremisten mit tatenreicher Unterstützung von westlichen Kräften. Der fett aufgetragene Nationalismus ist in seiner Dickflüssigkeit eher amüsant als ansteckend. Die friedliebenden Inder werden erst dann gewalttätig, wenn es nicht mehr anders geht. Aber dann retten Sie die Welt mit Bollywoodmusik unterlegten Zeitlupenaufnahmen von halbnackten Männerkörpern. Es ist ein Fest für Augen und Ohren, ganz absehen von den pittoresk im Hintergrund herumfliegenden Körperteilen.

Das Schönste an diesem Kinobesuch waren die ausgelassenen Buhrufe und die enthusiastischen Wow's des Publikums. Sie stellen für mich klar: die Inder können sehr viel besser als wir einordnen wie Realität und Fiktion zueinander stehen. Niemand ergibt sich der Illusion hier etwas Realistisches zu sehen. Allen ist klar, dass ist ein Spektakel. Mich erinnert es mehr an Theater und Oper als an das Kino. Meinen Mitbesuchern fällt es schwer, dieses Maß an Spektakel zu verdauen. Sie empfinden es als eine aufgeblasene Produktion ohne Sinn und Verstand. Ich dagegen bin vollends entzückt. Wie soll man in einem Land wie Indien, wo man Armut, Elend und Ungerechtigkeit an jeder Ecke sieht, abtauchen in eine heile Welt? Die Menschen hier sind gewohnt große Spektren von Realität in ihrem Weltbild zu vereinen. Warum sollte das in Kunst und Unterhaltung anders sein?

*Falls euch die Texte gefallen, unterstützt mich auf Patreon!*

Write a comment

Comments: 0