SOMMER IN SAMARA

English text
Pinkes Tor in der Mittagshitze, Samara, Russland

Der Sommerregen in Samara ist schwer und laut. Wenn es Nachts regnet hört es sich an als würde eine Herde von Wildpferden vor meinem Fenster entlang rennen. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass die Regentropfen hier besonders groß sind oder besonders laut auf das Vordach aufschlagen. Das Plätschern des fließenden Wassers in den Regenrinnen hört sich an, als würde ein mittelgroßer Bach vor meinem Fenster in die Wolga hinab strömen. Die Akustik verwirrt mich, ist aber auch bezaubernd unrealistisch, denn am nächsten Morgen zeugt nichts mehr von den imaginären abendlichen Wassermassen. Dann zwitschern die Vögel vor meinem Fenster und die überdimensionierten Fallrohre der Regenrinne lassen erahnen wo der rauschende Bach in die Tiefe fiel. An manchen Morgen ist es mucksmäuschenstill im Haus, nur den Strom kann man durch die Wände brausen hören und der kleine Gästekühlschrank brummt dezent in der Ecke. Anders als im Winter knackt die Heizung jetzt nicht mehr. In der Ferne des Hauses (oder vielleicht auch des Nachbarhauses) höre ich die ersten Zeichen von Leben, jemand rückt Stühle.

Regen = Pfütze, Samara, Russland

Ich beginne mir zu überlegen, was für Momente ich von meinem Leben in Samara festhalten möchte. Die Zeit läuft hier schneller als in Deutschland. Sie rinnt mir förmlich durch die Hände. Ich habe mich noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt, denn obwohl ich in Deutschland schon gegen acht Uhr aus dem Bett falle, schlafe ich in Samara fast bis zehn oder elf. Das erklärt sich durch die zwei Stunden Zeitverschiebung, macht den Alltag aber immer ein wenig gehetzt. Normalerweise genieße ich die einsamen frühen Stunden und brauche sie, um mich zu sammeln, zu grübeln und aufzuwachen. Hier in Samara verlegen sich diese Stunden wie von selbst an das Ende des Tages, was wiederum dazu führt dass sich mein Lebensrhythmus nicht umstellt.

Auf dem Wolgafest, Dick und Doof, Samara, Russland

Überhaupt habe ich ständig das Gefühl sehr beschäftigt zu sein. Neben den vier Stunden, in denen ich mit A. und L. Englisch und Deutsch übe, habe ich drei Mal die Woche Russischunterricht. Meistens ist der gekoppelt mit einem Besuch in einer der Sprachklassen meiner Russischlehrerinnen. Der Weg zum Club (es gibt zwei Ableger) beträgt entweder eine halbe Stunde Fußmarsch, oder eine Stunde quer durch die Stadt mit Bahn und Metro. Wenn ich von dort zurückkehre, leg ich mich meistens eine Stunde hin. Oft bin ich körperlich so erschöpft wie kopfmäßig ausgepowert. Danach gibt es Mittagessen und den Nachmittagsunterricht mit den Mädels. Abends finde ich selten so zu mir, dass ich etwas Vernünftiges schreiben kann. Immer wäge ich ab, Hausaufgaben oder Blogtext? Oft genug entscheide ich mich dazu weder das eine noch das andere anzugehen. Dann versinke ich in irgendeinen Film/Serie/Podcast.

Die Uferpromenade im Sommerkleid, Samara, Russland

Ich merke bereits, wie sehr ich mich danach sehne, mich in einem Land zu befinden, indem ich die gesprochene Sprache wirklich spreche. Jetzt schon steigert sich meine Vorfreude auf Australien und das ist immer noch wirklich weit weg.

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