SOVIET SOMMERCAMP

English text
Speaking Club, Krim, Russland

Hier im Camp ist die Zeit stehen geblieben. Die Holzbänke werden nach wie vor mit derselben fröhlichen Farbe gestrichen wie zu Soviet Zeiten. Dieselben Menschen verrichten die immer gleichen Sommerjobs. Sie sind braungebrannte meist ältere Menschen, deren Haut wie Leder an ihren Körpern haftet. Ich glaube sie sind Einheimische, aber da ich bisher noch nicht sehr viel mehr als das Camp von der Insel gesehen habe, weiß ich es nicht. Wie die Russen sind sie zunächst unfreundlich und beharren auf den abstrusesten Regelungen. Einige davon bringen mich fast zum Heulen vor Lachen. So zum Beispiel diese Regeln: nur zehn Kinder dürfen gleichzeitig ins Meer, nach 10 Minuten werden sie wieder heraus gepfiffen; Wasser trinken ist nicht so wichtig bei 35 Grad; die Kinder müssen in Zweierreihen zum Essen laufen. An allen Ecken und Enden wird gespart. Das Mittagessen sind überkochte Nudeln mit Wurst stücken, Reiseintopf mit so etwas wie Lammfleisch oder Buchweizen mit Fleisch und einem kleinen bisschen Soße. Manchmal gibt es noch einen großen Teller Suppe und den Jackpot zieht man, wenn es gefüllte Pieroschki gibt. Eine Art russisches Teilchen (dem Mainzer Sprech treu bleibend).

Hier gibt es junge Russen, die für 8.000 Rubel zwei Monate lang dieselbe Arbeit verrichten wie wir. Das verdiene ich ungefähr an zwei Tagen. 8.000 Rubel sind umgerechnet zirka 130 US-Dollar oder 90 Pfund. Unvorstellbar. Und doch ist es eine Chance den Sommer woanders zu verbringen als in der Heimatstadt, der Dreizimmerwohnung der Eltern. Das Leben eines russischen Jugendlichen ist nicht einfach. Es ist schwer den Schritt nach Europa zu machen. Keiner den ich hier treffe kann sich vorstellen einfach so nach Deutschland zu reisen, wie ich nach Russland gekommen bin. Immer ist es verbunden mit Austauschprogrammen. Die Ausbildung darf nicht unterbrochen werden. Es darf keine Zeit verloren gehen im engmaschigen russischen Lebenslauf. Mit 25 Jahren müssen schließlich die ersten Kinder da sein. Herauskommen junge Menschen, die nie etwas von der Welt oder ihrem eigenen Land gesehen haben. Nur die wenigen wirklich Guten, die für irgendwelche Preise durch Russland und die Welt reisen können, waren schonmal unterwegs im eigenen Land oder im Ausland. Die Wenigen, die es ins Ausland schaffen, kommen selten aus den All-Inclusive-Hotels heraus. Einen jungen Mann habe ich getroffen, der mit seinen Eltern bereits in 65 Ländern war. Jedoch kann er mir von den Orten nicht viel erzählen. Es reicht völlig mit der Nummer der Länder prahlen zu können. Es geht nur selten um das dahinter. Die innere Veränderung. Oft stoße ich auf solche hohlen Nüsse (wie sie in Deutschland wohl genannt werden würden), wenn ich dann vereinzelt auf Diamanten treffe fallen mir immer fast die Augen aus. Es gibt sie, die tiefgründigen und kritischen Russen. Sie wissen sich gut zu verstecken.

Campcollege Alex, einer diese seltenen Diamanten, Krim, Russland (Photo credit: Katja)

Hier im Sommercamp ist vieles zwischen Sein und Schein gefangen. Alle behaupten Englisch lernen zu wollen, aber so wirklich, tatsächlich, wollen es die wenigsten. Alle wollen es können um damit zu prahlen, die Arbeit, die es benötigt in eine andere Kultur einzudringen, eine Sprache zu sprechen interessiert niemanden. Echte Informationen sind oft zu hart zu verdauen. So wird Weihnachten mit einer „Presidents speech“ gefeiert, analog zu der Russischen Neujahrsansprache des Präsidenten. Dass es so etwas wie „the Queens Adress“ gibt, interessiert niemanden, tatsächliche Britische Weihnachtstraditionen auch nicht. Ich kann mit dieser einfach hingenommenen Ignoranz nur schwer umgehen. Schließlich ist es für mich das Detail, welches andere Kulturen so bezaubernd macht. Und so entsteht ein innerer Dialog zwischen mir und dem was ich als Russisch erlebe. Es ist kompliziert und wird wohl auf ewig eine Hassliebe bleiben.

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