EISSCHWIMMEN

English text
Das erste Mal, Finnland

Ich hatte Eisschwimmen bereits in meinem Hinterkopf in irgendeiner Ecke verbuddelt. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es keine Finnen, die diesem Sport frönten. Dachte ich zumindest. An einem meiner letzten Wochenenden in diesem bezaubernden Land bekam R. eine E-Mail mit der Frage, ob wir das nicht mit einer befreundeten Mutter einmal ausprobieren wollten. Sie hatte das vor 10 Jahren einmal gemacht, wusste, wo man hingehen musste und hatte Lust darauf. Ich war sofort Feuer und Flamme. R. bekam weiche Knie. Sie war eine langsam-ins-Wasser-watende Person und war sich fast sicher, dass in 0,6 Grad kaltem Wasser zu schwimmen nicht ihrer Vorstellung von Entspannung entsprechen würde. Sie gab sich einen Ruck und packte alles, was man zum Eisschwimmen benötigte: Badeanzüge, ein großes und ein kleines Handtuch zum Duschen und in der Sauna draufsitzen, Krocks, Beanies und Limonade. Im Auto wurde mir flau im Magen. Ich hatte große Töne gespuckt, war mir so kurz davor dann aber doch nicht mehr sicher. Bin ich denn blöd? Die Finnen spinnen doch sowieso, warum tue ich mir das eigentlich an? Eisschwimmen. Also wirklich!

***

 

Wir fuhren durch einen Wald zu einem wunderschön gelegenen Quellsee. Als wir zehn Minuten später auf einem dunklen Parkplatz und umringt von Nadelbäumen mitten im Wald zum stehen kamen, war mir mein Magen bis in die Knie gerutscht. Verdammt. Da meine beiden Begleiterinnen ähnlich dachten, gingen wir zunächst ans Wasser und schauten uns das Ganze angezogen an. Ein stetiger Strom von älteren einzelnen Menschen mit Mütze, Gummischuhen und Badehose oder Badeanzug lief an uns vorbei ins Wasser, verweilten dort einige Minuten und ging dann zurück zu den kleinen Holzbauten. Jeder kommentierte unsere verunsicherten Blicke und gab uns kleine Ermunterungen. Hier waren nur nette Finnen und da alle so freundlich waren, gab es nach der Begrüßung kein Zurück mehr.

Der Säksjärvi unter einer Schicht aus Eis und Schnee, Finnland

Beim Betreten der Sauna erwartete uns ein Bild, das ich nie vergessen werde. Die oberste Bank war voll besetzt mit Frauen verschiedenen Alters. Alle trugen ihren Badeanzug. Einige von ihnen hatten außerdem Wollmützen und Filzhütchen auf dem Kopf, um wenigstens die Kopftemperatur konstant zu halten. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass es so etwas in Wirklichkeit gibt. In Windeseile rutschten die Frauen zusammen, so dass auch wir drei gemütlich Platz fanden. Die Frauen in der Sauna waren richtige Charaktertypen. Mir wurde später berichtet, dass die Gesprächsthemen von der Art, wie die Ehemänner pinkeln, über die beste Sortierung der Küchenutensilien, bis zu der Teilnahme an Eisschwimmwettkämpfen reichten. Schamlos und wunderbar. Ich sah, wie sich meine Empfindungen auf R.s Gesicht spiegelten. Wir waren in bester Gesellschaft. Die Ankündigung der Dame am Eingang „In der Sauna findest du Freunde“ entsprach nur der Realität. Hier begegneten sich gefärbte Blondinen und übergewichtige Naturfrauen und verbrachten ihre Zeit in der Sauna mit vorurteilsfreiem Geplauder. Anders als in Deutschland war die Sauna hier kein Entspannungstempel, sondern ein soziales Event. Das gilt natürlich nicht für Saunen in Finnland generell. Hier gibt es viele verschiedene Fassetten von Sauna und für die Finnen gibt es dabei nur eine Regel: keine Regel.

Der wunderbar weiche und warme Wasserdampf legte sich wie das Wasser in einer heißen Badewanne um uns. Mit jedem Aufguss stieg die gefühlte Temperatur, bis ich nur noch durch den Mund einatmen konnte, da meine Nasenschleimhaut zu brennen schien. Absolut war die Sauna mit ihren 90 Grad konstant warm. Das Wasser perlte schon lange an meinen Armen hinunter und das kleine quadratische Handtuch, auf dem ich saß, war triefend nass. Ich spürte, wie mein Kopf leer wurde und meine Augen schwer. Ich musste hier raus.

Die kalte Nachtluft brachte sofort Erleichterung. Im Gänsemarsch schritten wir drei auf unsicheren Beinen runter zum Eisloch. Das Wasser war klar, die Eisdecke dick und von Neuschnee bedeckt. Eine Pumpe hielt das Wasser in Bewegung und das Loch somit offen. Unsere Vorgänger riefen uns kleine Ermunterungen zu. Es hatte sich in Windeseile auch bis in die Männersauna herumgesprochen, dass hier ein paar Neulinge unterwegs waren. Etwas unbeholfen versuchte ich, ein paar Bilder zu schießen. Schließlich würde ich Beweise benötigen, wenn ich meinen Brüdern zeigen wollte, wie hart ich im Nehmen war. Meine Technik war von den Temperaturschwankungen überhaupt nicht begeistert und der Autofokus funktionierte nur jedes dritte Mal. Beim Fotografieren wusste ich schon, dass ich das hier besser beschreiben würde.

 

***

 

Der erste Schritt ins eiskalte Wasser war wie der Schritt in tausend Nadeln. In Windeseile sank ich in die Kälte und war bald bis zum Kinn von Wasser umgeben. Einmal untergetaucht war es das Klügste, sich nicht weiter zu bewegen, denn jede Bewegung fühlte sich an als würde die Haut zerspringen.

Die Kälte war wie die Erfüllung eines lang gehegten Traumes. Ich fühlte, wie die Wärme aus meiner aufgeheizten Haut verpuffte und mein Kopf wieder klar wurde. Es brauchte nur wenige Sekunden, bis die Kälte anfing, auf meiner Haut zu brennen. Kurz danach fühlte ich meine Beine und Arme nicht mehr, nur noch meine Haut. Langsam stand ich auf und ging zurück an Land. Das herauskommen war schmerzhaft und ich stand unsicher auf den Beinen. Da mir jegliches Gefühl in ihnen fehlte, dachte ich, sie könnten jeden Moment wegknicken. Als ich jedoch, nur um sicher zu gehen, an mir herunterschaute, waren sie durchgedrückt und standen bombenfest im Boden. Keine Einsturzgefahr.

Das Gefühl kam langsam in meine Gliedmaßen zurück. Nur entfernt nahm ich die Kommentare der anderen Eisschwimmer war. Ein Lächeln breitete sich über mein Gesicht, ich konnte gar nichts dagegen tun. Es fühlte sich an wie Feuerwerk auf meiner Haut. Als würde jede Pore einzeln aus ihrem Eisgefängnis erwachen, sich langsam ausdehnen und dabei ständig aneinanderstoßen.

Schritt für Schritt und ja nicht zu schnell gingen wir zurück zur Sauna. Wir waren uns einig. Das war gut. Nochmal. Bis wir zurück im Warmen waren, spürten wir die Kälte deutlich. Das Betreten des halb dunklen Raumes brachte mindestens so viel Erleichterung wie fünf Minuten zuvor, ihn zu verlassen. Wieder umhüllte uns der Wasserdampf, wieder wurden wir aufgefangen in einem warmen Kissen aus Luft, wieder wurden wir in die Unterhaltung im Raum aufgenommen. Hatte es uns gefallen? Würden wir es nochmal machen? Ja und natürlich.

Mit der Wärme kam das Gefühl zurück in die Finger. Für die längste Zeit wusste ich nicht, war mir warm oder kalt? An fünf verschiedenen Stellen auf meinen bereits schrumpeligen Händen fühlte ich Wärme und Kälte, oft an Stellen direkt nebeneinander. Es dauerte gute zehn Minuten bis meine Augen wieder schwer wurden, mein Kopf anfing zu rauschen und ich anfangen musste, durch den Mund zu atmen. Es war Zeit für die zweite Runde.

Insgesamt ging ich viermal zum Eisloch. Jedes Mal dehnte sich mein Körper weiter aus und zog sich in der Kälte enger zusammen. Langsam lernte ich jede einzelne Phase zu genießen und auszukosten. Bald schaffte ich es mich im kalten Wasser zu bewegen. Das vierte Mal war es am aller tollsten. Mein Begleitung hatte beschlossen, dass sie genug hatten und gingen sich bereits anziehen. Ich huschte noch ein letztes Mal alleine zum See. Ganz alleine. Ich hatte meine Ruhe und konnte ganz entspannt die fernen Lichter auf der anderen Seite des Wassers beobachten. Es war wirklich schön hier. Die winterliche Stille war beindruckend.

Mit Bedauern stellte ich fest, dass es Zeit war, aus dem Wasser zu gehen. Langsam stand ich auf und bewegte mich aufs Ufer zu. Ich hatte mich inzwischen an das Gefühl gewöhnt, nicht Herr meines Körpers zu sein und erwartete voll Vorfreude das monumentale Feuerwerk auf meiner Haut. Und es kam. Es war ein schmerzähnliches Gefühl, das immer sanfter wurde, bis es nicht mehr als ein Kribbeln war. Mit breitem Grinsen ging ich langsam zurück zu einer letzten Runde in der Sauna. „Wie ein Profi!“ rief mir der alte Herr entgegen, der mich wohl von weitem gesehen hatte. Ja, wie ein Profi.

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Comments: 2
  • #1

    Sabine (Wednesday, 01 March 2017 09:05)

    Toll geschrieben Bella!! Und ich habe ein déjá vu. Mein allererstes Erlebnis überhaupt in einer Sauna war während eines Studienaustausches in Estland 1978. Wir saßen auch alle dichtgedrängt in einer kleinen Holzhütte und gingen dann bei Mondschein in einen kleinen See zum Abkühlen, traumhaft, allerdings ohne Eis und Schnee. Beim nächsten Mal war ein reißender Fluss die Abkühlung. Man musste aufpassen, nicht weggetrieben zu werden. Mein Gott, das ist fast 40 Jahre her.
    Dir weiterhin wunderbare Begegnungen und Erlebnisse, liebe Grüße Sabine

  • #2

    Bella (Wednesday, 01 March 2017 10:34)

    OMG! JA! In Estland kann ich mir das ebenfalls sehr gut vorstellen. 1978! Hach die wirklich guten Sachen sind einfach Zeitlos! :-)