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DAS FRAU-SEIN

English text
Vorsicht wütende Katze, Yerewan, Armenien

Wut. Jedes Wort im folgenden Text ist getränkt von Unverständnis und Wut. Auch zwei Wochen nachdem ich ihn geschrieben habe, kann ich sie noch frisch in meinem Bauch fühlen. Ich lasse diesen Text so stehen wie er ist, weil es beim Reisen zu solchen Situationen kommt. Nicht darüber zuschreiben, wäre meiner Reisedokumentation unwürdig und meinem Empfinden nach unehrlich. Ich habe inzwischen mit vielen reisenden Frauen darüber geredet und allen ist ähnliches oder schlimmeres zugestoßen und das nicht nur beim Reisen. (Was es nicht besser macht, nur zu einer Realität mit der wir leben.)

***

Frauen sind in Armenien entweder Heilige oder Huren. Und da europäische Frauen nach armenischem Standard keine Heiligen sein können, sind sie Huren. Da spielt weder Neigung noch Alter eine Rolle. Der Unterschied zwischen der ländlichen und der städtischen Bevölkerung ist (nicht nur, aber auch) in diesem Punkt riesig. In Yerevan fühle ich mich häufig wie in Berlin, in der Provinz erinnert mich ständiges Gehupe daran, dass ich gesehen werde. Ein unangenehmes Gefühl.

 

Als ich aus Alaverdi nach Dilijan meinen Bus verpasse, beschließe ich mich in ein Taxi zu setzen. Zunächst unterhalte ich mich freundlich mit dem Taxifahrer, der mir seine Vertrauenswürdigkeit dadurch unter Beweis stellte, dass er mir direkt den fairen und korrekten Preis nennt. In gebrochenem Russisch und ebenso gebrochenem Englisch halten wir eine entspannte Konversation am laufen. Wir sprechen über Familie, Musik und Armenien. Fasziniert starre ich hinauf in die Berge. Die Landschaft wird hier immer flacher, je höher wir hinauf kriechen. Es ist wie eine verkehrte Welt. Die erste Hochebene meines Lebens. Ich fühle mich sicher in diesem Taxi mit dem Fahrer, der gut und gerne mein Vater sein könnte. Als er mich kurz vor einem Tunnel fragt, ob ich mit ihm schlafen möchte, stockt mir für Sekunden der Atem. Ich habe mit allem gerechnet, aber DAMIT nicht. Verwirrt schaue ich ihn an und sage „Njet.“ Er hört nicht auf zu fragen, will wissen warum und wieso nicht? „Weil ich Armenier bin?“, „Du schläfst nur mit Deutschen?“, „Wie viel Geld willst du?“ Und bevor ich meine Gedanken sammeln kann ist es plötzlich stockdunkel um uns herum. Wir sind im Tunnel, nur eines der Vorderlichter funktioniert schwach. Er macht das Licht in der Fahrerkabine nicht an. Er redet weiter als wäre nichts, versucht mich zu überzeugen, bis ich ihm in ziemlich aggressivem Ton auf English über den Mund fahre. Manchmal ist es egal ob der Andere einen versteht, den Tonfall rafft er und schweigt. Den Rest der Fahrt verbringe ich schweigend neben ihm. Ich hatte mich sicher Gefühlt. Das war eine klare Transaktion. Ich möchte von A nach B und bezahl ihn dafür, dass er mich dahin bringt. Hier gibt es keinen Raum für Interpretation.

 

Ich koche vor Wut. Der Rassismus Vorwurf hallt laut in meinen Ohren und ich bin stockwütend. Ich bin mir nicht sicher was mich mehr kränkt, der Vorwurf das ich nur mit bestimmten Nationen schlafe, oder die Selbstverständlichkeit mit der er mir an den Kopf wirft: „aber ich find dich hübsch, komm, ich schlaf mit mir!“ Als wäre er der Erlöser selbst. Am liebsten würde ich ihn anschreien, aber meine Sprachkenntnisse reichen nicht aus. Und trotzdem lege ich mir eine Tirade an mich selbst zurecht. Die Wut und die Entrüstung müssen raus aus meinem Bauch. Immer wieder suche ich nach meinem Fehler in dem Szenario, aber mir ist nicht klar, wie er auf die Idee kommen konnte, dass das OK wäre. Dazu kommt der Kontext unserer Unterhaltung. Wir sprachen über seine Frau und Kinder und dann rückt er mit so etwas raus. Das ist Respektlos gegenüber allen Frauen in diesem Szenario. Arschloch. Ich sehe rot und wünsche mich weit weg von Armenien. Ich möchte mich mit so etwas nicht auseinandersetzen müssen. Mir wird klar, dass hier jedes Gehupe, jede Freundlichkeit, jede Hilfestellung ein Versuch ist, mit der freien und verfügbaren Ausländerin in „Kontakt“ zu treten. Es widert mich an und wird auf lange Zeit jegliche Form der „Gastfreundschaft“ auf die man hier so stolz ist, in zweifelhaftes Licht rücken. Es wird lange dauern bis ich wieder in ein Taxi steige.

 

Später erklären mir die wenigen Armenier und Armenierinnen mit denen ich darüber spreche, das niemals jemand übergriffig werden würde. Niemand würde mich ohne meine Erlaubnis anfassen. Vergewaltigung gibt es hier nicht. Reden, ja das würden die Männer, aber ich wäre absolut sicher. Bei solchen Behauptungen muss ich immer wieder hämisch lachen, vor allem wenn sie von Männern kommen. Mir ist völlig unklar wie das zusammenhängen soll. Mein Problem ist nicht, dass ich in irgendeiner Art und Weise verletzt wurde, sondern das ich mich ständig Bedroht fühle und das nicht ohne Grund. Das ich darauf gefasst sein muss jederzeit zum Lustobjekt gemacht zu werden und das ich mich dagegen nicht währen kann, außer ich schließe mich ein. Gegen körperliche Angriffe kann ich mich wehren. Das habe ich von der Picke auf gelernt. Ich weiß wie mein Körper in Panik reagiert und was es braucht damit mein in Angststarre gefangener Körper aus dieser erwacht. Ich bin weder schwach noch ängstlich und habe ich mich einmal dazu entschieden jemandem weh zu tun, dann wird mein Gegenüber Schmerzen verspüren. Mich irritiert immer wieder, dass es Menschen gibt, die nicht verstehen, das der Effekt von verbaler Belästigung genauso groß sein kann, wie der von körperlichen Übergriffen.

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