DER SPRUNG NACH INDIEN

English text
Das Grab des Shish Gumbad, Lodhi Park, Indien

Das monotone Brummen des Motors und die leicht zitternden Flügel des riesigen weißen Vogels, den ich in Dubai – nein, seien wir präzise – in Sharjah widerwillig bestiegen hatte, fliegt direkt auf eine undurchschaubare weiße Mauer zu. Wir lassen den schönen rosa Himmel, die freie Sicht und die idyllische Inselluft hinter uns. Delhi.

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Am Gate erwarten mich bereits T. und A., packen mich ins Auto und im Schneckentempo kriechen wir fortan durch die all abendliche Rushhour der Millionenmetropole nach Hause. Hier in Dehli bin ich zu Besuch bei J.'s Familie. In der ersten Nacht ist T., ihr Vater, noch vor Ort, jedoch fliegt er fünf Stunden nach meiner Ankunft zurück nach Deutschland. Ich bleibe mit A. dem Hausmanager, Fahrer, Koch und Mann für alles alleine zurück. Obwohl dieser Umstand mich zunächst ein wenig verunsicherte, da A. kein gutes Englisch spricht, stellt sich dass als Segen heraus. Der Iran hat mich so erschöpft, wie schon lange kein Land mehr. Ich habe bereits seit einigen Wochen immer wieder Pausen gemacht, bin tagelang in Hotels geblieben, habe viel geschlafen und doch will die Erholung sich nicht einstellen. Hier in Dehli werden mir, wenn ich das möchte, alle Entscheidungen abgenommen. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass das genau das Richtige ist. Jegliches Entscheidungstreffen stresst mich. Was will ich essen, was will ich trinken, wo will ich hin gehen, wo kann ich xyz besorgen. All diese Fragen kosten mich viel Kraft. Ich brauche eine Pause von der ständigen Überforderung und die bekomme ich durch A. Er macht Frühstück, Lunch und Dinner, fährt mich von a nach b, wenn ich das möchte und schaut darauf, dass es genug Wasser gibt. Die erste Woche verbringe ich fast ausschließlich in diesen vier Wänden, lese die Bücher aus Dubai und trinke Tee. Was sich am Anfang noch fremd anfühlt, wird bald vertraut. Ich beginne mich schon beim Aufstehen auf das Frühstück zu freuen, bin gespalten zwischen dem Wunsch ein ganz einfaches Ei mit Toast zu essen und der Neugierde was A. für Eivariationen zaubern wird. Hier esse ich das erste Mal Rührei mit Knoblauch und Ingwer, sowie einer Reihe anderer Gemüse. Mich überrascht die Kombination von so fremden Geschmäckern. Es ist unglaublich lecker.

Die Kommode in "meinem" Zimmer in Delhi, Indien

In der Dunkelheit der nach hinten gerichteten Räume vergesse ich Raum und Zeit. Der bisher ständig auf mir lastende Druck fällt von mir ab und ich beginne mich langsam daran zu erinnern, wer ich bin, wenn ich mich nicht ständig bedroht fühle. Dabei helfen mir vor allem Bücher. Wort für Wort, Seite für Seite spüre ich, wie etwas beim Lesen in mir passiert. In der Ruhe und der dunklen Kühle des Apartments, eingehüllt in meine finnischen Wollsocken, meinen Schal und meinen Fließ vegetiere ich vor mich hin. Nach ein paar Tagen wage ich es zum ersten mal vor die Tür, kehre jedoch, obwohl nichts passiert und es ein wunderschöner Spaziergang ist, erschöpft nach Hause zurück. Die kleinsten Vorkommnisse beunruhigen mich.

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Meine Eltern haben meinen Gastgebern ein Paket, mit einem Paar Schuhen mitgegeben, die gleichen, die mir zwei Monate zuvor in Teheran geklaut worden waren. Mit dem ersten Hineinschlüpfen fühle ich bereits mein Selbstbewusstsein zurückkommen. Mein Fundament ist wieder da. Natürlich lacht man mich aus, denn es gibt ja auch Schuhe in Dehli zu kaufen. Und das stimmt. Aber die Vorstellung hier in Dehli oder im Iran nach dem perfekten Allwetterschuh zu suchen (was auch in Deutschland ein langes und aufwendiges Unterfangen ist), bereitet mir in Gedanken bereits Kopfzerbrechen. Und mal ehrlich, die Qualität die ich suche, habe ich noch in keinem der von mir bereisten Länder gesehen. Heute investiert man wenig für leichtes Schuhwerk, Goretex und dergleichen. Das mag gut funktionieren für Sonntagswanderer, aber für mich taugen sie nicht. Denn ich brauche keinen klassischen Wanderschuh. Ich brauche einen Schuh, der alles kann. Und der ist aus einem Leder, das aus den Alpen kommt, sich wie eine zweite Haut um meinen Leisten legt und zu keinem Zeitpunkt Blasen verursacht, sein Profil nicht nach einem Jahr verliert, mit Gebrauch schöner wird, und geduldig auf die nächste Schicht Wachs warten kann, ohne den ersten Schnee in sich aufzusaugen. Sowas gibt es nicht im Iran und auch nicht in Indien. Nicht weil es ihnen unmöglich ist, einen solchen Schuh zu fertigen, sondern weil es keinen Markt für so etwas gibt.

Mein Fundament!, Lodhi Garten, Indien

Mit den Schuhen bewege ich mich fortan mit einem zuerst aufgesetzten und bald ganz natürlich werdenden Selbstbewusstsein durch die bunten Straßen Delhis. Ich empfinde Delhi als viel entspannter als den Iran. Niemand auf der Straße ruft mir Sachen hinterher, keinen der Blicke muss ich mit etwas anderem in Zusammenhang bringen als Neugier. Niemand belästigt mich, nirgendwo werden mir Sachen aufgedrängt. Überall sehe ich Frauen, verhüllt, unverhüllt mit offenem oder sorgfältig frisiertem Haar. All das hat damit zu tun, wo ich mich in Delhi bewege. Ich bin vorwiegend im wohlhabenden South Delhi unterwegs, das nicht mit dem chaotischen und lauten Old Delhi zu vergleichen ist. Da ich nicht häufig das Haus verlasse, bin ich außerdem, wenn es mich auf die Straße treibt, mit Freunden von J. unterwegs, deren Präsenz mich vor den aufdringlichsten Menschen abschirmt. Mein Privileg starrt mir mit weit aufgerissenen Augen ins Gesicht und ich heiße es freundlich willkommen.

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