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EIN NEUER ANFANG

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Blumenvielfalt auf 2.000 Metern, Kazbegi, Georgien

Georgien. Der Kaukasus beginnt hier von einer Sekunde auf die andere. An der Stelle, an der mich mein russischer Taxifahrer abgesetzt hat, ist das Tal noch breit und die Berge sehen aus wie schmächtige Halbwüchsige. Der Grenzübertritt nach Georgien liegt einen Kilometer südlich in der Kerbe einer mächtigen Schlucht. Die Dreitausender steigen zu allen Seiten selbstbewusst in die Höhe und gebieten Ehrfurcht. Anstelle von Militär wird die Grenze hier von einem großen Mönchskloster bewacht. Dort mache ich meine erste Pause und gratuliere mir zum Landeswechsel. Schon lange bin ich dazu übergegangen auch kleine Etappen zu feiern. Manchmal ist der Weg im Kopf so viel weiter als die tatsächlichen Kilometer.

Georgische Heerstraße, Stepandsminda, Georgien

Gleich am Anfang meines Weges auf der Georgischen Heerstraße liegt der Kazbegi. Die Georgier kennen diesen Ort als einen der schönsten in ihrem Land. Sie wissen um die besonderen Energien, die dort oben schwingen. Auch alle anderen Menschen kennen das Wahrzeichen Georgiens und trotzdem bin ich fast alleine hier oben.

Berglandschaft, Kazbegi, Georgien

Der Aufstieg ist schwer. Oben angekommen kann ich mich nicht mehr bewegen. Mein Herz schlägt so hart, dass es mir die Brust zu sprengen scheint. Mein Kopf fühlt sich leicht an. Schon seit zwei Stunden muss ich alle hundert Meter Pause machen, meinen Rucksack absetzen und Luft schnappen. Die Ohnmacht scheint nahe zu sein. Mit knapp über zehntausend Schritten und 53 Stockwerken bin ich mit meinem zwanzig Kilo schweren Rucksack gnadenlos überfordert. Nach sechs Stunden habe ich es geschafft, bin von 1700 Metern im Tal, auf 2170 Meter den Berg hinaufgestiegen. Und doch werde ich es bis auf die Spitze nie schaffen. Die ragt in 5047 Metern über mir am fernen Horizont in den Himmel. In der ersten Nacht schlage ich mein Zelt in einer Kuhle auf, die direkt gegenüber dem Kloster liegt. Zwar bin ich überzeugt, dass das hier verboten sein muss, aber ich habe einfach keine Kraft mehr weiter zu laufen. (Mein deutscher Kopf denkt immer in den gleichen Mustern. Natürlich hat niemand etwas gegen mein Zelten. Ich bin hier in Georgien. Solange man niemanden gefährdet ist alles erlaubt.)

Dreifaltigkeitskirche, Kazbegi, Georgien

Obwohl ein stetiger Strom von Touristen in der Ferne an mir vorbeizieht, spreche ich mit niemandem. Drei Tage ziehe ich immer tiefer in die Berglandschaft, ohne dass ich das Kloster je ganz aus den Augen verliere. Ich bleibe ungefähr auf der gleichen Höhe, laufe nur ab und an hinunter zum Bergbach um meine Füße zu baden. Als mir meine Wasser- und Brotdiät zu eintönig wird, pflücke ich Blaubeeren und schlafe im Schatten der kleinwüchsigen Bäume. Zeit bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Ich beobachte den Hirten und seine Schafe, die Grillen und ihre tiefroten Flügel und wundere mich über die Anzahl an Blumen, Käfern und Spinnen, die diese Bergwiese bewohnen. Hier ist der Teufel los. Langeweile kommt nicht auf. Ich bin gezwungen zu bleiben, habe keine Kraft noch weiter den Berg hoch zu laufen und will noch nicht zurück. Ich genieße diesen entscheidungsfreien Raum ohne Zukunft oder Vergangenheit.

Georgische Schaafsherde, Kazbegi, Georgien

Als das Brot alle ist, muss ich langsam an den Rückweg denken. Schweren Herzens schultere ich meinen Rucksack und laufe querfeldein Richtung Dorf. Wie eine der Ziegen klettere ich über ausgetrocknete Flussbetten und lose Steine. Trotzdem ich diese Wiesen einige Tage von der anderen Seite des Berges begutachtet hatte und davon ausgegangen war zu verstehen, wo ich lang müsste, wähle ich den erdenklich ungünstigsten Weg. Ich klettere ausgetrocknete Wasserfälle hinunter und bin mir dabei nie sicher, ob die großen Steine auf denen ich lang balanciere, tatsächlich verlässlich sind. Ich bin schon echt blöd. Am Ende komme ich zurück an den Bach und kann sicheren Fußes dem ausgetretenen Weg der Schafherde folgen, die ich kurz darauf ganz persönlich treffen darf. Ein glücklicher Zufall.

Bergbach und Badewanne, Kazbegi, Georgien

Ich teste das Wasser mit meinem großen Zeh. Es ist eiskalt. Einfach wird es nicht, meine Haare darin zu waschen. Aber nach vier Tagen in den Bergen (+2 Tage im Zug), traue ich mich ungewaschen nicht unter Menschen.

Ich atme tief durch und steige mit vorsichtigem Schritt auf den nassen Steinboden. Das Wasser fließt kraftvoll um meine Beine. Nach kurzer Zeit zieht die Kälte bis in meine Knochen. Das hier erinnert mich an Eisschwimmen in Finnland. Ich gebe mit einen Schubs und setze mich ins Wasser, da es mir gerade bis zu den Waden reicht, muss ich mich der länge nach in den Strom legen, um die Haare nass zu machen. Die Kälte brennt auf meiner Kopfhaut. Ein überraschtes Keuchen entweicht mir, ich schließe die Augen und hoffe, dass niemand zuguckt. Diese Prozedur wiederhole ich zwei mal.

Ich flüchte mich auf den trockenen Boden, streife mein orangenes Seidenkleid über. Nicht zum ersten mal dient mir der dünne Stoff als Schutzhülle, Handtuch und Windfang. Langsam kehrt die Wärme zurück in meine Haut. Das Haar trocknet und ein allumfassendes Glücksgefühl erfüllt mich. Nach diesen vier Tagen des Bergsteigens, des Beobachtens, des Zeitspürens, bin ich angekommen im Hier und Jetzt.

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